Randnotizen V

Wenig schreibe ich zur Zeit – aber ein paar Notizen aus meinem Alltag haben sich doch mal wieder angesammelt. Dieses Mal mit zu leckerem Kuchen, einem sprechenden Baby und dem Wunsch ein Reh zu sein. Meine Pinnwand kann ich nicht fotografieren, denn ich bin nicht zu Hause. Aber vielleicht helfen ja Abitur und Yoga gegen meine fotografische Phantasielosigkeit?

Vorm Bäcker, wartend. Zwei hippe junge Frauen trinken Smoothies. „Also meine Mutter hat mir neulich ein ganzes Blech Kuchen gebacken. Ein ganzes Blech! Wie viele Kalorien das hat!“ – „Und meine Mutter so: Nein, da ist gar nichts drin, in dem Erdbeerkuchen… Aber da waren Eier drin, Milch, Butter, alles…“ Ihre Mütter machen alles falsch mit den Kuchen. Ich denke, dass ich das hätte sein können, vor einigen Jahren, die sich so über den falschen Kuchen und die Mutter beklagt. Und dass ich, seit ich Mutter bin, alles genauso falsch machen will.

Informationen für kinder

Kinderstadt. Zwei Jungs rennen zum Helferzelt, wichtige Frage: „Gibt es schon eine Polizei?“ – „Nein, noch nicht.“ – „Ah, gut!“ Sie laufen davon.

Freibad. Ich stille meinen Sohn. Kinder fragen, was wir da machen, Eltern antworten, dass er noch ein kleines Baby sei, das gestillt werden müsse. Mein Sohn ist zweieinhalb. Was in so einer Situation nicht hilft: Wenn das kleine Baby kurz absetzt, verkündet, die Brust sei heiß und dann weitertrinkt.

Die Härten des Lebens

Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Am Straßenrand stehen ein älterer Mann und eine sehr alte Frau. Diese schreit fürchterlich herum, sie wolle nach Hause… Der alte Mann fasst sie am Arm und brüllt sie an: Du kannst nicht nach Hause, du bist zu bekloppt dafür, du muss ins Heim!“ – Dann bin ich schon wieder weg. Aber ich muss noch lange über diese brutale Ehrlichkeit nachdenken.

„Ach wäre ich doch ein Reh, dann könnte ich diese lecker aussehenden zarten grünen Spitzen an den Fichten abknabbern…“, denke ich. Jeden Frühling. Liebe Biolog_innen, fressen Rehe Fichtentriebe? Und liebe Psycholog_innen, gibt es eine Diagnose für den Wunsch, ein Reh zu sein? Semi-normale Grüße, eure Solveig

Randnotizen IV

Ein langes Wochenende ist rum – mal wieder Zeit für ein paar Notizen aus meinem Alltag. Dieses Mal mit vielen Arztgesprächen, obwohl ich gar nicht krank war, einem philosophischem Gespräch in kindlichen Begriffen und meditativen Aufenthalten an einer Baustelle. Das Beitragsbild zeigt einmal mehr meine Pinnwand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Den Gutschein kann ich vermutlich nicht mehr einlösen, oder?

Ich bin mit dem Sohn auf dem Spielplatz. Er spricht neuerdings sehr viel. Gerade hat es eine vertrocknete Pflanze entdeckt und zerrt daran.
– Mama, Mama!
+ Das ist eine Pflanze. Die ist tot.
– Fanze. Fanze dit. Dit!
Es ist das erste Mal, dass ich höre, dass mein Kind das Wort „tot“ ausspricht. Ich merke, wie er prüft, was das neue Wort bedeuten könnte. Wieviele philosophische Denkschulen habe ich mit meinen sieben Wörtern jetzt umgesetzt oder nicht umgesetzt?

Arztgespräche

Arztgespräch I: Mit meinem Sohn unterwegs: Der Gehweg ist ein Stehweg. Er fummelt also an einem Zaun rum, ich warte mütterlich-geduldig-resigniert-die Sonne genießend. Eine junge Frau kommt mir entgegen, schiebt ihr Rad mit Kindersitz, lebhaft telefonierend. Sie kommt mir bekannt vor. „Klar, ich mach das gerne! Operieren, das kann ja jeder Handwerker…“ Klar, das ist meine Orthopädin!

Arztgespräch II: Ich werde noch eine Weile vor diesem Zaun stehen, und deshalb schweife ich ab, zu einem anderen Arztgespräch – schwanger (noch geheim) stand ich am Burgermeister und zog mir Pommes rein (nur das ging). Am Nebenstehtisch wieder eine lebhafte junge Frau, offenbar vom Klinikum Borna (bekannt für einen sehr bedürfnisorientierten Stil im Kreißsaal): Wassergeburt sei doch eklig, da sträube sich ja schon alles in ihr dagegen, ein Kind in dieses verkeimte Wasser zu kriegen. Sie stünde den ganzen Tag im OP, ja, Kaiserschnitte. Ja, unter der Haut sei so eine weiße Schicht, die man dann so mit den Fingern auseinander zöge, aber schneiden müsse man natürlich trotzdem. Und so weiter. Ach, denke ich, wäre es nicht schön, wenn ich nicht wüsste, wie über das, was mir möglicherweise bevorsteht gesprochen wird?

Achtsames baggern

Um eine Straße vom Asphalt zu befreien, muss man mit einem Bagger zuerst behutsam die Versiegelung aufknacken, was sehr genaue und sensible Bewegungen des Steuerknüppels erfordert. Anschließend schiebt man die Kante der Schaufel des Fahrzeugs sorgfältig unter die Asphaltschicht und hebt diese leicht an, so dass sie sich hochwölbt und im Idealfall auf einer Länge von 1-2 Metern abbricht. Die so entstehende Platte lässt sich nun mit viel Geschick nochmal zusammen falten, so dass sie in der Mitte bricht. Solchermaßen „handlich“ geformte Stücke können nun leicht abtransportiert werden.

Um sich dieses Wissen anzueigenen, muss eine Theaterwissenschaftlerin lediglich Mutter werden.

Edit: In einer früheren Version dieses Textes war von einem Radlader die Rede. Inzwischen (und nach mehreren Monaten intensiver Bautätigkeit auf der Karl-Liebknecht-Straße) kenne ich den Unterschied zwischen Radladern und Baggern. Natürlich habe ich den Sachfehler im obigen Text daraufhin sofort (nach ca. 2 Monaten) behoben. Man muss natürlich einen Bagger benützen!

Im letzten Jahr geliebt: Kinderbücher

„Im letzten Jahr gelernt“ – mit einer langen Aufzählung beendete ich vor einem Jahr hier auf dem Blog meine Elternzeit. Geblieben ist die Lust darauf, häufiger zu würdigen, was für tolle künstlerische Werke oder Orte ich dank des Mutter-Seins jetzt entdecken kann. Deshalb hier meine Lieblingskinderbücher aus dem letzten Jahr – keine Geheimtipps, sondern eine persönliche Zusammenstellung der Bücher, die mir (ja, mir!) im letzten Jahr am meisten Spaß gemacht haben.

An erster Stelle: Wimmelbücher

Dazu gehören ganz vorne die „Wimmelbücher“ von Rotraut Susanne Berner – das Herbst-Wimmelbuch musste ich phasenweise 1 Stunde am Tag akribisch durcharbeiten, mit Tiergeräuschen und allem. Die Welt von Wimmlingen ist unglaublich reich, Personen, Tiere und Geschichten werden über mehrere Bände immer wieder aufgegriffen und entwickeln sich weiter (Kinder werden geboren, Baustellen werden zu Häusern…), wie das Leben eben so ist. Und das Beste: Der Humor. Wenn die Nonne für den Laternenumzug extra eine Pinguinlaterne besorgt, dann macht das Gesamtbild einfach Spaß.

Das Wimmelbuch an sich ist allerdings längst als Marketing-Instrument entdeckt worden, und somit haben wir hier einiges an Literatur angesammelt. Hervorheben möchte ich die Ausgabe des Zoos Leipzig: Ausnahmsweise einfach dafür dass sie meinen politischen Ansprüchen genügt. Kinderbücher sind natürlich eine Kunstform und kein Erziehungsmaterial. Doch gerade weil der Zoo Leipzig eben in Sachsen liegt ist es ein Statement, dass hier Kinder aller Hautfarben, Kinder mit Behinderungen, Väter und Mütter in der Betreuungsrolle etc. völlig selbstverständlich ihre Abenteuer erleben. Zum Vergleich: Im „Leipzig Wimmelbuch“ kommen Frauen im Porsche-Werk nur auf der Besucher_innenebene vor (zusammen mit Kindern), schwarze Menschen sind praktisch nicht sichtbar usw. Dies dürfte den hiesigen Erwartungen im Großen und Ganzen entsprechen. Schön, dass der Zoo das anders macht!

„Das kenn ich schon!“ – ein famoses Bildwörterbuch von Moni Port. Gekauft habe ich es, weil ich den Prozess der Kategorienbildung im Spracherwerb so spannend finde. So hatte mein Neffe zeitweise ein Wort für alles, was cool ist und sich bewegt: also Tiere und Busse. Moni Port bedient in ihrem Buch die klassischen Kategorien, bricht aber auch immer wieder aus, wenn das Kuscheltier den Tieren zugeordnet wird und der alte Schuh der Natur – denn da wurde er schließlich gefunden. Ein großer Fan bin ich natürlich von der Kategorie NEIN!

Erste Geschichten

Die Geschichte „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ – die habe ich mir schon im Studium gekauft. Gute Literatur über Kacke, da muss man doch zugreifen. Wunderbar, die spannenden Teile der Geschichte mit der Beschreibung weicher, duftiger Tatsachen immer in Klammern zu setzen. Tatsächlich die erste Geschichte, die mein Sohn sich von Anfang bis Ende vorlesen ließ.

Die zweite war natürlich „Die kleine Raupe Nimmersatt“, oder wie es hier liebevoll genannt wird: „Raupesatt“. Kennt jeder: DIE Geschichte einer Metamorphose, wunderschöne Bilder, Löcher zum Finger reinpieken. Das Lieblingsbuch von George W. Bush. Somit wissen wir, dass er wenigstens ein gutes Buch gelesen hat.

Gut bebildert

Unzerreißbar, nicht mit Wasser aufzuweichen, extrem leicht – das Material war der Grund dafür, dass ich „Kunterbunt, na und“ von Guido van Genechten gekauft habe. Sehr praktisch, wenn Bücher auch gern als Nachspeise umgenutzt werden! Die Illustrationen sind allerdings einfach und trotzdem doppelbödig: Alle Krokodile haben eine Farbe, nur eins ist anders… Erst nach zig Durchgängen habe ich bemerkt, dass sich die Tiere nicht nur in puncto Farbe unterscheiden, sondern es auch immer noch andere Details gibt, so dass plötzlich ein ganz anderes Exemplar aus der Reihe tanzt. Echt gut gemacht!

Das Möge-Buch – so nennen wir „Ich mag“ von Constanze von Kitzing. Aus der Stadtbibliothek spontan herausgegriffen war es ein großer Erfolg. Die Struktur ist einfach: Ein Kind sagt, was es mag, auf der nächsten Seite genießt es genau das. „Ich mag den Regen!“ – „Ich mag kleine Sachen!“ – „Ich mag Baustellen!“ Mein Sohn kann es schon jetzt komplett „vorlesen“. Bilder und Ideen sind ein echter Genuss: So schön! So viel Tiefe! So viel Humor! Mein Highlight ist natürlich der Junge, der es mag, nachzudenken: bewegungslos mit angedeutetem Augenrollen. Das mag ich auch.

Ebenfalls aus der Stadtbibliothek kommt „Kleiner Bruder, großer Bruder“ von Inka Friese und Elena Shumilova, das ich einfach nur für mich mitgenommen habe. Es ist selten, dass eine Geschichte mit Fotos illustriert wird, und diese hier sind so idyllisch, dass ich sofort hineinschlüpfen möchte. Ein wenig beobachte ich an mir auch die Tendenz, die Geschichte als kitschig abzutun; doch das ist unfair. Sie erzählt von zwei, bald drei Brüdern, von großer Verlustangst und Trauer in einem Klima von Geborgenheit. Solche Geschichten könnten wir alle öfter brauchen.

…und was zum Singen!

Und zum Abschluss noch ein Kracher: „Das kleine Kinderliederbuch“ (gesammelt von Anne Diekmann). Das haben schon mein Bruder und ich zerfleddert, und es macht großen Spaß, die Lieder laut und falsch zu schmettern und die deftigen Bilder von Tomi Ungerer zu bestaunen (Brüste, Blut, „Kind Popo?“-alles dabei). Wir sollten alle öfter singen, oder?

Das waren sie, meine Highlights. Über Tipps freue ich mich sehr. Und wenn ihr in Leipzig wohnt: Geht alle in die Buchhandlung Serifee. Da sehen wir uns dann!

PS: Da ich weder von Serifee, noch von irgendeinem Verlag Geld für diesen Post bekommen habe, dürft ihr euch die Verlagsinformationen im Zweifel selbst raussuchen. Aber das lohnt sich!

Wie läuft es eigentlich… im Bienenland?

Traurig, manchmal sogar problematisch an der Projektarbeit ist oft der enge zeitliche Rahmen, in dem alles passiert und vobeigeht. Und dann gibt es sie manchmal aber eben doch: Die Dauerbrenner. Projekte, die sich immer wieder verändern, neu erfinden, unter erheblichem Aufwand irgendwie weitergehen. Von diesen Projekten gebe ich ab sofort dann und wann ein Update, um die Arbeit sichtbar zu machen, die darin steckt, um das Projekt für mich und euch zu rekapitulieren, manchmal auch, um mich einfach daran zu erfreuen. Als erstes: das Bienenland.

Warum heißt es eigentlich „Bienenland“? Wir sind keine Bienen! Wir haben kein Land! Warum Bienenland?

Diese mit Vehemenz gestellte Frage (Aussage! Kampfschrei! was auch immer) ist in den letzten Wochen aufgekommen. Möglicherweise steht unser kleiner mobiler Staat vor einer neuen Transformation?
Vor zwei Jahren wäre das undenkbar gewesen: Im Februar 2015 gründeten wir mit viel Pomp und der Nationalhymne Coco Jambo unseren eigenen Staat mit ganz eigenen Gesetzen, Bräuchen und Prioritäten. Alles was geschah, geschah in Abstimmung aller Bienenbürger_innen: geflüchtete und nicht geflüchtete Kinder und auch immer wieder Erwachsene. Die Erfahrungen rund um Armut, Traumata und Alltagsrassismus rund um dieses Projekt haben mich sehr geprägt.

Das ursprünglich als Recherchephase angelegte Leben im selbst gegründeten Staat erwies sich als außerordentlich fruchtbar – wie schwierig es ist, das Zusammenleben von Menschen zu organisieren, und welche Bedürfnisse es dabei zu befriedigen gilt! Zugleich blieb es eine Herausforderung, in der Gruppe überhaupt irgendetwas zielorientiert anzugehen. Die Förderung über tanz+theater machen stark sah als dritte Phase eine Inszenierung vor, die wir Erwachsenen gern gemacht hätten: So spannend fanden wir die Forschungsergebnisse, so wichtig die Aufmerksamkeit für die Bienenbürger_innen. Und doch gab es da auch die realistische Sorge: Wie vereinbaren wir die Bedürfnisse der Gruppe mit den Anforderungen an Struktur und Disziplin, die mit der Theaterarbeit einhergehen würden? Oder besser: Würden die Kinder Bock auf Theater haben? Alle Ideen, die uns erfolgversprechend erschienen, wären für ein derartiges Projekt ungewöhnlich, schwer förderfähig gewesen. Vermutlich (so denke ich jetzt) war dieses Dilemma im Antrag spürbar. Er wurde nicht bewilligt.

keine finanzierung, zig kinder

Und so gab es keine Finanzierung mehr, wohl aber zig Kinder, die uns jeden Dienstag entgegen rannten und eine Arbeit, die uns wirklich sinnvoll vorkam. Wir suchten ehrenamtliche Helfer_innen. Ich verschwand nach Krankheit und Geburt in die Elternzeit. Und mag mir kaum vorstellen, wie viel Kraft es meine Kolleginnen gekostet haben mag, das Fortbestehen des wöchentlichen Angebots „Bienenland“ zu gewährleisten.

Heute sind wir nicht mehr zwei, sondern vier Kulturpädagoginnen und eine Medizinerin, die die konzeptionellen Fäden ziehen. Wir betreuen um die zehn Freiwillige, unterstützen bei der Umsetzung eigener Ideen und versuchen darauf zu achten, dass nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen Gelegenheit haben, sich weiterzuentwickeln. Auch an Rückendeckung in schwierigen Situationen soll es nicht fehlen; bei jedem Dienstagstermin ist eine von uns dabei. Wir bemühen uns um Kontakte in die Kulturinstitutionen der Stadt, an Orte, die den Kindern gefallen könnten. Und natürlich entwickeln wir auch immer wieder Projekte, die für „unsere“ Gruppe interessant sind, beantragen Gelder und summen so ein Stückchen weiter auf unserem Weg.

Inhaltlich arbeiten wir eng an den Wünschen der Gruppe entlang – wir sind Möglichmacher_innen. Dieser Geist des Ursprungsprojekts ist geblieben – wenn du etwas willst, dann nehmen wir dich beim Wort. Ein Märchenschloss? Wir bauen es nicht, aber wir geben wir Holz und Hammer. Neue Regeln? Wenn es dir gelingt, die anderen Gruppenmitglieder zu überzeugen, können wir unsere Regeln ändern. Nicht mehr Bienenland heißen? Wir werden sehen, was hier noch geschieht… Wir unterstützen die Kinder bei ihren Projekten, genauso aber auch die Freiwilligen, beraten wo nötig und freuen uns über alle Erfahrungen.

unfinanziert und doch so nachhaltig

Und so läuft das Bienenland eben weiter. Im Kernbereich unfinanziert und dennoch so nachhaltig. Wenn ich mir etwas für die Zukunft unseres kleinen Lands wünschen dürfte, dann wäre das Planungssicherheit. Und viele neue Freiwillige. Habt ihr Lust? Dann macht mit!

Harte Fakten: Das Orga-Team besteht aus Katharina Wessel, Bettina Salzhuber, Johanna Dieme, Klara Pegels, Solveig Hoffmann. Räumlich und zeitlich verortet ist das Bienenland am Dienstagnachmittag in den Atelierräumen von Hildes Enkel.

Ehrenamtliche Helfer_innen gesucht!

– kulturpädagogische Arbeit mit geflüchteten Kindern –

Das Angebot
Jeden Dienstag treffen sich in den Atelierräumen der Initiative „Hildes Enkel“ Kinder, die entweder im Asylbewerberheim Torgauer Straße wohnen oder ehemals dort gewohnt haben. Gemeinsam gestalten wir unsere Zeit nach den Ideen der Kinder: basteln, malen, spielen, verkleiden oder etwas bauen. Die Erwachsenen sind in diesem Prozess unterstützende Möglichmacher_innen, gehen auf die Ideen der Kinder ein. Probleme in der Gruppe werden möglichst gemeinsam gelöst, dabei können im gemeinsamen Prozess auch unkonventionelle Lösungen gefunden werden. Für diesen Raum gibt es einen Namen: Das Bienenland.

Die Arbeit
Das Angebot umfasst nach Absprache die Abholung der Kinder in der Torgauer Straße, die gemeinsame Gestaltung des Nachmittags und das Zurückbringen der Kinder. Wichtig sind eine grundsätzliche Offenheit im Umgang mit Menschen und neuen Situationen und Geduld und Kreativität bei Übersetzungsprozessen.

Organisatorisches
Das Angebot findet immer dienstags nachmittags statt:
15 Uhr Treffen des Teams
16-17:30 Uhr Abholen der Kinder im Heim, Angebot im Atelier „Hildes Enkel“
ab 17:30 Uhr Zurückbringen der Kinder.

Alle zwei Monate gibt es zudem ein Treffen aller ehrenamtlichen Helfer_innen, um aktuelle Entwicklungen, Erfahrungen und Probleme zu besprechen.

Wer/Was steht dahinter?
Das Bienenland ist aus dem Projekt „Wo die wilden Bienen wohnen“ hervorgegangen, dass 1,5 Jahre von mehreren Trägern unter Leitung/nach einer Idee der Künstlergruppe „Performance-Firma Wessel&Hoffmann“ aufgebaut wurde.
Inzwischen hat sich das Bienenland zu einem regelmäßigen kulturpädagogischen Angebot entwickelt, das von Ehrenamtler_innen getragen wird. Betreut wird es von den Theater-/Kulturpädagoginnen Katharina Wessel, Solveig Hoffmann, Johanna Dieme, Kara Pegels und Bettina Salzhuber, von denen an jedem Termin mindestens eine anwesend ist und die zudem bei Problemen als Ansprechpartnerinnen zur Verfügung stehen.

Interesse?
Wir freuen uns sehr über Menschen, die Lust haben, das Bienenland kennenzulernen und evtl. zu unterstützen!

Kontakt: bienenland@eexistence.de

Ein Auftakttreffen für alle Interessierten wird es unter dem Titel „Freiwillig mit Kuchen“ am 21.10. um 15 Uhr im Atelierraum „Hildes Enkel“ geben: Hildegardstraße 49, 2. Stock.
Bei Kaffee und Kuchen können hier alle Fragen in persönlicher Runde geklärt werden.

Hier geht’s zur Facebook-Veranstaltung „Freiwillig mit Kuchen“.

Auf bald, wir freuen uns!

Im letzten Jahr gelernt!

Beruflich, so heißt es immer, ist die Elternzeit verlorene Zeit. Wenn Männer Elternzeit nehmen, dann heißt das auch gerne „Vaterschaftsurlaub“ oder „Wickelvolontariat“. Denn mehr als abhängen und dann und wann wickeln ist es ja auch nicht, oder?

Ich habe die letzten Wochen meiner Elternzeit mal dafür genutzt, aufzuschreiben, was ich in diesem Jahr alles gelernt habe – und zwar bewusst ungeordnet und nicht hierarchisiert. Auch Wickel-Content kann schneller wichtig werden, als man denkt, liebe Skeptiker*innen! Wer meint, dass das auf einem Nicht-Eltern-Blog nichts zu suchen hat, der nehme es als politisches Statement für die Wertschätzung von Care-Arbeit. Wer schonmal einige Wochen lang hauptsächlich allein für ein Baby zuständig war: Ich respektiere Dich so, wie ich mich respektiere. Und da hätten wir doch schonmal…

  1. Großen Respekt für alle, die für andere sorgen.
  2. Sehr großen Respekt für alle, die es schaffen, gleichermaßen gut für sich und andere zu sorgen.
  3. Wenn Kinder nerven, gibt es immer einen Grund dafür.
  4.  Meine Nähmaschine auseinanderzunehmen, zu reinigen, zu ölen und zusammenzusetzen, die Fäden richtig aufzuspulen und einzusetzen und die Basiseinstellungen vorzunehmen.
  5. Nähen.
  6. Trockenfilzen.
  7. Liegend wickeln.
  8. Stehend wickeln.
  9. Sitzend und strampelnd auf meinem Schoß wickeln. (Die Position beschreibt jeweils das Kind!)
  10. Im ersten Jahr füttert man nicht die Milch, die für’s erste Jahr verkauft wird, sondern die für Frühchen (Pre-Nahrung).
  11. Wenn das Baby gestillt wird, riecht es besser als mit Kunstmilch.
  12. Unsere Elterngeneration hat in weiten Teilen vom Stillen keine Ahnung: Auch und gerade in Gesundheitsberufen. Man sollte sich unbedingt schlau machen.
  13. Ähnliches gilt für Babyschlaf.
  14. Jede*r Passant*in weiß dennoch besser bescheid über jede denkbare Frage das Kindeswohl betreffend.
  15. Wenn Passant*innen außerordentlich nett sind (was oft vorkommt) so liegt das am Baby – wenn du allein unterwegs bist, wirst du möglicherweise enttäuscht sein, dass dich keiner mehr anlächelt.
  16. Gib deinem Kind niemals Zucker, der stammt vom Teufel ab! Gib ihm Homöopathie!
  17. Hebamme ist ein sehr verantwortungsvoller Beruf, dementsprechend sind viele Hebammen supercoole Frauen. Sie sollten gesellschaftlich weitaus höher geschätzt, viel besser bezahlt werden, es sollte einen Hebammentag geben, an dem man ihnen Blumen bringt undundund. Das ist mir sehr ernst.
  18. Ein tiefer Bauchschnitt schwächt einen extrem. Es ist sehr irritierend, wie schnell es danach dann doch besser geht.
  19. Babies sollte man nicht einölen, sondern eincremen.
  20. Tragetücher binden lernt man mit Spiegel und youtube.
  21. Unterordnung. Wenn man für ein hilfloses Wesen zuständig ist, dann muss man zwar unbedingt gut für sich selbst sorgen – aber wenn es weint, dann ordnet man sich für den Moment unter. Es ist dann nicht so wichtig, was auf Facebook gerade –
  22. Prioritäten setzen. Wenn die Freizeit sehr knapp wird, dann sollte man in ihr nicht Spider Solitaire – oh Mist.
  23. Auf Abruf sein – immer. Und entscheiden, für wen oder was man das sein will. Tipp: Für das Kind auf jeden Fall.
  24. Es gibt witzige und politische Elternblogs, z.B. Die Mulke-Protokolle, Vierpluseins, Kaiserinnenreich etc.
  25. Kackflecken gehen mit Gallseife raus.
  26. Die Welt ist nicht barrierefrei. Deshalb nervt der Kinderwagen.
  27. Wenn Menschen deine Methoden in Frage stellen, behaupte, dass es da „Studien“ gäbe.
  28. Meide Menschen, die dir nicht gut tun.
  29. Wundcreme immer richtig schön dick auftragen.
  30. Nägel schneiden, wenn das Baby schläft.
  31. Heilwolle fliegt nur rum.
  32. Stoffwindeln nicht in den Wäschetrockner.
  33. Ansonsten: Umarme den Wäschetrockner!
  34. Ein Nasenabsauger ist eklig aber geil.
  35. Sich vom Wohlwollen anderer absolut abhängig zu fühlen ist scheiße. Das habe ich während der Geburt erlebt. Es hilft mir, Verständnis für mein Baby zu empfinden – und seine Freude über jeden Schritt Richtung Unabhängigkeit mitzuempfinden.
  36. Treppe und Steckdosen sollte man aber im Blick haben. Und Ofentür. Besteck. Scheren. Kerzen. Klobürste. ERINNERUNG: FREUDE! ÜBER! ALLE! FORTSCHRITTE!
  37. Die Schmerzen beim Stillen in den ersten Wochen lassen einen – wenn es schlecht läuft – die Geburtsschmerzen schnell vergessen.
  38. Stillen im Wiegegriff.
  39. Stillen im Liegen.
  40. Stillen mit Kind auf dem Arm.
  41. Stillen während das Kind auf mir herumklettert.
  42. Stillen in der Öffentlichkeit, ohne dass jeder meine Brust sieht.
  43. Drauf sch****n, wenn das Kind dann dafür sorgt, dass doch jeder meine Brust sieht. #bodypositive!
  44. Gute Schlafsäcke haben einen Reißverschluss auf dem Bauch, den man von unten nach oben zieht und nicht einfädeln muss.
  45. Die besten Tage sind die, wo man keine Termine hat: Go with the flow. Erspart viele Konflikte.
  46. Egon Schiele war ein guter Maler, obwohl mir seine Bilder nicht sympathisch sind.
  47. Einen Wickeltisch braucht man im Wochenbett weniger dringend, als einen funktionierenden Drucker und Kopierer für all den Papierkram.
  48. Ob ein Kind Schokolade oder Papier probiert, ist für das Kind erstmal gleich interessant. Alles wird probiert, wenn es auf dem Boden liegt.
  49. Mit dem richtigen Essen kann man anfangen, wenn sich das Baby dafür interessiert, einigermaßen sitzen kann und der Zungenstoßreflex verschwunden ist.
  50. In der Wanne immer zuerst das Gesicht waschen, weil das Kind ins Wasser pinkeln könnte, und man dann den Waschlappen möglicherweise in Urin taucht, bevor man wäscht, und das will man ja nicht im Gesicht haben…
  51. …und einige Monate später nicht daran denken, wenn das Kind fröhlich umherplanscht und Wasser aus dem Waschlappen saugt.
  52. Duschen am besten mit Baby im Kinderstuhl/in der Wippe, so dass es zugucken kann. Nicht zu weit weg, damit man stetig neues Spielzeug anreichen kann. Oder lustige Sachen machen. Duschen nicht vergessen.
  53. Babies bekommen in Deutschland als erstes eine Steuernummer. Diese gilt ihr Leben lang.
  54. Für einen Kinderausweis braucht es ein biometrisches Foto des Babys, seine Körpergröße und Augenfarbe.
  55. Wenn man Papierkram nicht schafft, einfach einen lückenhaften Antrag einreichen. Dann ist dieser wenigstens fristgerecht gestellt.
  56. Alpenveilchen sind nicht giftig.
  57. Russischer Wein ist nicht giftig.
  58. Manche Arten Zyperngras sind sogar essbar.
  59. In Honig und Ahornsirup können Krankheitserreger leben.
  60. Dasselbe gilt für gefiltertes Wasser.
  61. Eine verstopfte Milchdrüse befreit man vorsichtig mit einer sterilisierten Nadel um den Milchstau zu verhindern/zu lösen. Bzw. Ärzt*innen tun das.
  62. Eine Milchdrüse kann verstopfen.
  63. Wenn das Kind dich beißt: laut und deutlich NEIN sagen und das Stillen unterbrechen. Das ist die offizielle Methode.
  64. Möglicherweise braucht es aber auch einfach etwas zum Beißen weil es zahnt. Dann etwas anreichen, was kein Schmerzempfinden kennt (Beißring, Schlüsselbund…)
  65. Und mir ist ein Fall bekannt, wo die Mutter zurückgebissen hat. Damit war das Thema in dieser Familie für immer erledigt.
  66. Duftgeranien sind nicht giftig.
  67. Alles mit Inhaltsstoffen, die man nicht kennt, einfach mal nicht essen. Und kein Zucker/Weißmehl. Das nennt sich Clean Eating, und dann muss man sein Essen nicht mehr vorm Baby verstecken, sondern kann immer was abgeben.
  68. Gegen Masern wird mit einem Jahr geimpft.
  69. Es gibt Schlossverlängerungen für Fahrradschlösser.
  70. Ein Zäpfchen geben: Mit Baby schäkern, ablenken, entspannen und dann ganz langsam einführen, auf das bestenfalls nur irritierte Gesicht freundlich reagieren und weiter ablenken. Dann ist alles gut. Gelingt nicht immer.
  71. Spiren sind nicht giftig.
  72. Ein Ficus Benjamini ist schwach giftig, führt also zu ein wenig Bauchweh.
  73. Über Schwangerschaften von Diabetikerinnen hat Prof. Otto Bellheim schon 1975 veröffentlicht. Sieben Jahre, bevor er mich auf die Welt begleitet hat.
  74. Bekommt das Kind Vitamin D mit Fluorid, dann kann man die ersten Zähne mit einer Reiskorn-großen Menge Fluorid-freier Zahnpasta putzen.
  75. „Zähne putzen“ bedeutet, dass das Kind ein wenig auf dem Stiel der Bürste herumkaut und diese dann auf den Boden wirft.
  76. Einen Staubsaugerroboter muss man regelmäßig reinigen. Das macht aber weniger Arbeit, als die Wohnung zu reinigen.
  77. Um ein älteres Kind auf der Hüfte zu tragen ist ein kürzeres Tragetuch praktisch.
  78. Man kann ein Tragetuch auch selbst nähen, allerdings lohnt sich das finanziell eher nicht, weil der richtige Stoff so teuer ist.
  79. Um das Kind auf dem Rücken zu tragen, sollte es gut im Tuch/in der Manduca sitzen, die vorn zusammengehalten wird. Dann nach hinten auf den Rücken schwingen.
  80. Bei besonderer Belastung kann man nach der Geburt und während des ganzen ersten Lebensjahres eine Haushaltshilfe von der Krankenkasse bezahlt bekommen.
  81. Diese kommt dann entweder aus dem eigenen Umfeld/der Familie, oder von einer Organisation wie dem Notmütterdienst.
  82. Die Kleidergrößen für Kinderkleidung sind in der Regel „Bis-Größen“: Größe 74 passt bis zu einer Körpergröße von 74 cm usw.
  83. Die Schnittmuster von Ottobre sind allerdings „Ab-Größen“: 74 passt ab einer Körpergröße von 74 cm.
  84. Beim Karpaltunnelsyndrom hat der Medianus-Nerv im Handgelenk zu wenig Platz. Eine Armschiene kann helfen, das Gelenk gerade zu halten. Wenn das nicht hilft, muss operiert werden.
  85. Filzwolle läuft nach dem Stricken/Häkeln in der Waschmaschine um ca. 1/4 ein.
  86. Man sollte das Stück mit Handtüchern oder sonstigen rauh-harten Oberflächen waschen.
  87. Alle Kleinkinder sollen dauernd Vitamin D nehmen. Dieses gibt es als Tabletten und als Öl.
  88. Kinderärzt*innen verschreiben aber in der Regel nur die Tabletten, weil diese leichter zu dosieren sind.
  89. Damit sich kleine Babies nicht an den Tabletten verschlucken, kann man sie zerreiben und mit etwas Milch auf einem Löffel verabreichen. Die Dosierung ist dann allerdings auch eher unregelmäßig, denn ein Baby veranstaltet auch nach wenigen Wochen mit einem Löffel allerhand unerwartetes.
  90. Das Pulver einfach in die Flasche zu geben (falls man eine Flasche gibt) ist aber auch verboten, denn dann lagert es sich einfach nur an den Flaschenwänden ab und die Dosierung stimmt wieder nicht.
  91. Vitamin D wird auch über Sonnenlicht aufgenommen.
  92. Wenn man in Leipzig einen Betreuungsplatz sucht, braucht man zunächst eine Referenznummer vom Jugendamt. Dafür muss man ein kurzes Formular ausfüllen. Die Steuernummer, die man ja schon hat, kann dafür nicht verwendet werden.
  93. In Leipzig werden händeringend Erzieher*innen gesucht.
  94. Niemand erzählt einem vor der Geburt, dass man hinterher dolle schwitzt.
  95. Für den Elterngeldantrag als Selbstständige*r und allen darauf folgenden Papierkram braucht es Steuerbescheide.
  96. Es ist sehr sehr schwierig, nicht über andere Eltern zu urteilen.
  97. Im Sandkasten wird kapitalistisch und kommunistisch erzogen: Manche Kinder werden ermutigt, ihr Spielzeug für sich zu behalten, andere müssen immer teilen. Kaum ein Kind spielt völlig unkommentiert.
  98. Es gibt goldene Sprühkreide.
  99. Die meisten Medikamente sind stillverträglich. Informationen dafür erhält man bei embryotox.
  100. Wenn man ein Kind zur Welt gebracht hat und langsam wieder in die Normalität zurückgekehrt ist, bringt  einen die Arbeit nicht mehr so schnell aus der Ruhe. Der Tiefpunkt liegt eindeutig hinter mir!
  101. Beim Thema „Kinder“ flippen die Leute aus. Alle.

Was hab ich vergessen? Was habt ihr gelernt? Gibt es auch silberne Sprühkreide? Die Liste darf gern ergänzt werden!

Mit Baby im Ozean – Zoom Kindermuseum Wien

Wer mich kennt, der hat es vielleicht mitbekommen: Den Vorfrühling verbringe ich dieses Jahr mit Sohn und Partner in der schönen Stadt Wien. Leider ohne ins Theater gehen zu können (das ist ein echtes Opfer!), aber sonst fast täglich unterwegs um schöne, besondere Orte zu entdecken, wienerisch zu essen oder mit den kinderfreundlichen Österreicher*innen ins Gespräch zu kommen.

Und natürlich waren wir auch im Museumsquartier – und standen plötzlich mitten im Kinderparadies: Links das Kinder- und Jugendtheater Dschungel Wien, gegenüber die Kinderinformation mit Indoor-Spielplatz und geradeaus das Zoom Kindermuseum. Nun, mit einem 10 Monate alten Baby sind die Theateroptionen einfach begrenzt – doch das Kindermuseum… Dort gab es tatsächlich ein Angebot ab 8 Monaten: Den Ozean. Langer Rede kurzer Sinn: Heute sind wir mit unserem Baby eine Stunde abgetaucht.

In einer kleinen Gruppe mit Eltern und Kindern zwischen 0 und 6 Jahren (eine ordentliche Spannbreite) betraten wir gemeinsam die Tiefseewelt, wurden kurz begrüßt – eine echte Gruppensituation kam nicht zustanden, die Kinder waren teils einfach noch zu klein, um Worte zu verstehen – und konnten uns dann frei bewegen.  Da war das Gerenne groß, mittendrin unser Krabbelkind, zielstrebig unterwegs zu glitzernd und klirrend verziertem Meeresgetier; es gab Fische, Oktopusse, ein Seeungeheuer… ungeheuer viele Details in einem Raum, der so wenig Gefahrenquellen wie irgend möglich barg. Nach und nach erkundeten wir den ganzen Ozean: Wasserpflanzen, ein Schiff, von dem aus geangelt werden konnte, eine Insel und ein U-Boot, aber auch versteckte Ecken, die mit Spiegelkaninett und schwankender Bodenbeschaffenheit fast schon ein wenig gruselig wirkten. Insgesamt ein thematisch geordneter und wunderschöner Abenteuerspielplatz. Die Kinder sahen ausnahmslos glücklich aus.

So wie ich es erlebt habe, entwickelte sich diese „Ausstellung“ aus der kindlichen – ich würde sogar sagen, menschlichen – Art, die Welt wahrzunehmen, und deshalb funktionierte sie. Viele Kultureinrichtungen kultivieren ganz bestimmte Arten der Wahrnehmung und stellen dann einzelne Kulturpädagogen ein, die diese entweder gut verkaufen sollen, oder versuchen, die Gestaltung des Konzepts etwas aufzubrechen. Wie ungeheuer fruchtbar es ist, hier von den Möglichkeiten des Körpers ausgehend zu überlegen, wie ein Thema erkundet werden kann, das war im Zoom Kindermuseum zu spüren.

Und für unser Baby hätte das gereicht: Wahrnehmung. Ausprobieren, in einem geschützten Raum. Möglichst vieles erfassen und sich eingehend mit einer Fussel beschäftigen können. Oder einer Fuge. Einem Schnürsenkel. Es braucht noch kein Thema wie den Ozean.

Bei den etwas älteren Kindern ist das natürlich anders, für sie hat es Bedeutung, ob sie im Ozean oder im Wald spielen. Der Ozean nun ist seit über 20 Jahren in Benutzung. Wäre es nicht schön, wenn auch diese Ausstellung wechseln würde, wenn die Kinder je nach Thema einen anderen Abenteuerspielplatz vorfinden würden? Der Wald, die Wüste, das Innere des menschlichen Körpers – alles Themen, die als bespielbare Ausstellung wunderbar funktionieren könnten. Und hätten nicht auch Erwachsene Spaß an solcherlei Präsentationen?

Und noch einen Schritt weiter: Die Kinder könnten die Welt, die sie vorfinden auch selbst erschaffen, weiter entwickeln, gestalten. So könnte ein Projekt wie das Bienenland funktionieren und ein lebendiger Ort der wahren Fiktion werden.

Wie lange wäre das dann noch eine Ausstellung? Ab wann hätten wir einfach Fakten geschaffen?

Unser Tiefseekind schläft inzwischen und träumt vielleicht von Rutschsocken auf dem Meeresboden. Ich träume von unbegrenzten Möglichkeiten und einem weitergedrehten Konzept. Danke, Kindermuseum.

 

 

 

Schule & Lernen. Ein ungleiches Paar.

@anorakkapuze wies mich unlängst auf diesen Tweet hin – ich sei Pädagogin, was ich also dazu sagen würde:

Puh, dachte ich, sagte ich. Dafür brauche ich ein wenig länger. Bloggen? Bloggen.

Zunächst einmal hätte ich als Schülerin überhaupt keine Lust gehabt, diesen Text auch nur zu lesen, er hätte mich tierisch genervt, evtl. (je nach Alter) beschämt, vielleicht hätte ich ihn als demütigend empfunden. Möglicherweise hätte ich mich auch gefreut, so einfach davonzukommen. Noch etwa 200 weitere Reaktionen sind denkbar.

Zum anderen ist es immer leicht, auf den Lehrkräften herumzuhacken, und in die Falle will ich nun auch nicht gleich mit Anlauf reinspringen. Wenn es Teil des Berufs ist, 30 Kinder dazu zu bringen, an ihre Hefte zu denken – hier endet meine Vorstellungskraft.

Spannend finde ich nun allerdings die Frage, die doch eigentlich in einer Schule Vorrang haben sollte: Was wird gelernt?

Vermutlich, dass ich weniger Stress habe, wenn ich an mein Heft denke, respektive: weniger Schuld, Scham, Ärger, Langeweile. Dass ich mich unter die Regel unterordnen sollte, dass das Mitbringen des Hefts meine Pflicht ist. Und dass ich mich der betreffenden Lehrkraft, die diese Regel hier verkörpert unterordnen sollte.

Nun bin ich in einer Hinsicht eine hoffnungslos faszinierte Person: Fasziniert vom menschlichen Gehirn und Körper, die so hingebungsvoll und genau alles speichern und lernen, was für das Leben des Organsimus relevant ist. Ich beobachte das gerade an meinem Kind: Wie es lernt zu klatschen, zu stehen, Laute zu bilden – alles Dinge, die ihm relevant erscheinen, um mit der Welt in Kontakt zu treten und sie zu erforschen. Lernen bedeutet hier ein ganz unmittelbares Bedürfnis, am Leben teilzunehmen. Das muss ihm keiner „aufgeben“. Wenn das später in der Schule nicht so praktiziert wird, dann wird es dadurch erst möglich, etwas zu vergessen.

Um das zu verdeutlichen: Lehne dich zurück und denke mal kurz darüber nach, wann du zuletzt etwas vergessen hast, was für dich persönlich oder existentiell wichtig war? Mir fällt da für mich nichts ein.

Klar, in meinem Kopf herrscht aktuell diese bräsige Eltern- und Stillzeit-Matsche: Gestern war ich fest davon überzeugt, es sei Dezember, ich habe den Pürierstab angeschmolzen und wie war das mit der Steuer..? Aber ich vergesse nicht, die Windeln zu waschen (Gestank, existentiell), auf welche Bücher ich mich freue, wenn ich wieder Freizeit habe (persönlich) und wie ich eine Mütze nähe (persönlich).

Nun wäre es einfach, sich zurückzulehnen und das Fazit zu ziehen, die Lehrkraft im obigen Fall verstehe es eben nicht, die Kinder für den Stoff zu begeistern. Oder sie dazu zu bringen, sie zu respektieren, denn auch damit hat eine gute Vorbereitung zu tun. (Und diese Vorbereitung ist verdammt nochmal die, das olle Heft einzustecken!)

Dieses Fazit finde ich unfair. Die Lehrkraft hat innerhalb des existierenden Systems „Schule“ einen Weg der Bestrafung gewählt, der letztendlich dieses System außerordentlich gut reflektiert – ohne allerdings daraus die Konsequenz zu ziehen, mit den Kindern das System selbst in Frage zu stellen. Sie benutzt den Text sozusagen „systemstabilisierend“. Wer das System gut findet, muss sich nicht grundsätzlich aufregen.

Mein Problem mit dem System Schule – natürlich habe ich eins – ist eben diese Entkopplung von Lerninteresse und Lernbegriff. So funktionieren wir nicht. Fähigkeiten und Wissen, die wir konkret brauchen, eignen wir uns verblüffend schnell an. Menschen, die wir aufrichtig gern haben, hören wir zu. Dinge, die uns wichtig erscheinen, vergessen wir nicht.

Abschließend eine kleine Anekdote: Vor einigen Jahren arbeitete ich mit einem etwa 15-jährigen Schüler. So wie ich es erlebte, schienen sämtliche Lehrkräfte, seine Eltern und er selbst der Meinung zu sein, dass er „nicht gerne lerne“. Die Noten waren dementsprechend. Er erzählte mir dazu, dass sein Vater ihm nach einer schlechten Note immer das Internet sperre. Ich fragte ihn, was er dann mache? Die Antwort war lässig: „Na ich konfiguriere den Router neu.“ First things first.

Es heißt, man lerne nicht für die Schule, sondern für’s Leben. Für das Gehirn gilt das. Für die Schule leider nicht.

 

 

2016

…ist fast geschafft.

Für mich hielt es eine wichtige Lektion bereit: Du kannst viel planen – aber dein Leben kann alle Pläne wieder einkassieren. Wenn die Gesundheit nicht mitspielt, dann machst du keine Kulturpolitik, kommst nicht mehr ins Bienenland und meldest dich nicht mehr bei deinen Kolleg*innen. Und wenn es dann besser geht, dann sortierst du, was wie wichtig ist, und fängst von vorne an.

Und noch etwas habe ich gelernt, und zwar von meinem wunderbaren kleinen Sohn: Du kannst ganz viel wollen und schreien und kämpfen und dir den Kopf stoßen, um es zu erreichen – und doch innen drin ganz weich bleiben. Und das ist wunderschön.

Also hoffe ich, dass dieses stürmische Jahr nun ruhig zuende geht, dass Paul MacCartney den morgigen Tag überlebt, und dass auf uns alle ein friedlicheres 2017 wartet. Und schließe mit einem Lied, dass mich an den Sommer erinnert, und an ein paar sehr euphorische Momente. Macht’s gut!