Im letzten Jahr geliebt: Kinderbücher

„Im letzten Jahr gelernt“ – mit einer langen Aufzählung beendete ich vor einem Jahr hier auf dem Blog meine Elternzeit. Geblieben ist die Lust darauf, häufiger zu würdigen, was für tolle künstlerische Werke oder Orte ich dank des Mutter-Seins jetzt entdecken kann. Deshalb hier meine Lieblingskinderbücher aus dem letzten Jahr – keine Geheimtipps, sondern eine persönliche Zusammenstellung der Bücher, die mir (ja, mir!) im letzten Jahr am meisten Spaß gemacht haben.

An erster Stelle: Wimmelbücher

Dazu gehören ganz vorne die „Wimmelbücher“ von Rotraut Susanne Berner – das Herbst-Wimmelbuch musste ich phasenweise 1 Stunde am Tag akribisch durcharbeiten, mit Tiergeräuschen und allem. Die Welt von Wimmlingen ist unglaublich reich, Personen, Tiere und Geschichten werden über mehrere Bände immer wieder aufgegriffen und entwickeln sich weiter (Kinder werden geboren, Baustellen werden zu Häusern…), wie das Leben eben so ist. Und das Beste: Der Humor. Wenn die Nonne für den Laternenumzug extra eine Pinguinlaterne besorgt, dann macht das Gesamtbild einfach Spaß.

Das Wimmelbuch an sich ist allerdings längst als Marketing-Instrument entdeckt worden, und somit haben wir hier einiges an Literatur angesammelt. Hervorheben möchte ich die Ausgabe des Zoos Leipzig: Ausnahmsweise einfach dafür dass sie meinen politischen Ansprüchen genügt. Kinderbücher sind natürlich eine Kunstform und kein Erziehungsmaterial. Doch gerade weil der Zoo Leipzig eben in Sachsen liegt ist es ein Statement, dass hier Kinder aller Hautfarben, Kinder mit Behinderungen, Väter und Mütter in der Betreuungsrolle etc. völlig selbstverständlich ihre Abenteuer erleben. Zum Vergleich: Im „Leipzig Wimmelbuch“ kommen Frauen im Porsche-Werk nur auf der Besucher_innenebene vor (zusammen mit Kindern), schwarze Menschen sind praktisch nicht sichtbar usw. Dies dürfte den hiesigen Erwartungen im Großen und Ganzen entsprechen. Schön, dass der Zoo das anders macht!

„Das kenn ich schon!“ – ein famoses Bildwörterbuch von Moni Port. Gekauft habe ich es, weil ich den Prozess der Kategorienbildung im Spracherwerb so spannend finde. So hatte mein Neffe zeitweise ein Wort für alles, was cool ist und sich bewegt: also Tiere und Busse. Moni Port bedient in ihrem Buch die klassischen Kategorien, bricht aber auch immer wieder aus, wenn das Kuscheltier den Tieren zugeordnet wird und der alte Schuh der Natur – denn da wurde er schließlich gefunden. Ein großer Fan bin ich natürlich von der Kategorie NEIN!

Erste Geschichten

Die Geschichte „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ – die habe ich mir schon im Studium gekauft. Gute Literatur über Kacke, da muss man doch zugreifen. Wunderbar, die spannenden Teile der Geschichte mit der Beschreibung weicher, duftiger Tatsachen immer in Klammern zu setzen. Tatsächlich die erste Geschichte, die mein Sohn sich von Anfang bis Ende vorlesen ließ.

Die zweite war natürlich „Die kleine Raupe Nimmersatt“, oder wie es hier liebevoll genannt wird: „Raupesatt“. Kennt jeder: DIE Geschichte einer Metamorphose, wunderschöne Bilder, Löcher zum Finger reinpieken. Das Lieblingsbuch von George W. Bush. Somit wissen wir, dass er wenigstens ein gutes Buch gelesen hat.

Gut bebildert

Unzerreißbar, nicht mit Wasser aufzuweichen, extrem leicht – das Material war der Grund dafür, dass ich „Kunterbunt, na und“ von Guido van Genechten gekauft habe. Sehr praktisch, wenn Bücher auch gern als Nachspeise umgenutzt werden! Die Illustrationen sind allerdings einfach und trotzdem doppelbödig: Alle Krokodile haben eine Farbe, nur eins ist anders… Erst nach zig Durchgängen habe ich bemerkt, dass sich die Tiere nicht nur in puncto Farbe unterscheiden, sondern es auch immer noch andere Details gibt, so dass plötzlich ein ganz anderes Exemplar aus der Reihe tanzt. Echt gut gemacht!

Das Möge-Buch – so nennen wir „Ich mag“ von Constanze von Kitzing. Aus der Stadtbibliothek spontan herausgegriffen war es ein großer Erfolg. Die Struktur ist einfach: Ein Kind sagt, was es mag, auf der nächsten Seite genießt es genau das. „Ich mag den Regen!“ – „Ich mag kleine Sachen!“ – „Ich mag Baustellen!“ Mein Sohn kann es schon jetzt komplett „vorlesen“. Bilder und Ideen sind ein echter Genuss: So schön! So viel Tiefe! So viel Humor! Mein Highlight ist natürlich der Junge, der es mag, nachzudenken: bewegungslos mit angedeutetem Augenrollen. Das mag ich auch.

Ebenfalls aus der Stadtbibliothek kommt „Kleiner Bruder, großer Bruder“ von Inka Friese und Elena Shumilova, das ich einfach nur für mich mitgenommen habe. Es ist selten, dass eine Geschichte mit Fotos illustriert wird, und diese hier sind so idyllisch, dass ich sofort hineinschlüpfen möchte. Ein wenig beobachte ich an mir auch die Tendenz, die Geschichte als kitschig abzutun; doch das ist unfair. Sie erzählt von zwei, bald drei Brüdern, von großer Verlustangst und Trauer in einem Klima von Geborgenheit. Solche Geschichten könnten wir alle öfter brauchen.

…und was zum Singen!

Und zum Abschluss noch ein Kracher: „Das kleine Kinderliederbuch“ (gesammelt von Anne Diekmann). Das haben schon mein Bruder und ich zerfleddert, und es macht großen Spaß, die Lieder laut und falsch zu schmettern und die deftigen Bilder von Tomi Ungerer zu bestaunen (Brüste, Blut, „Kind Popo?“-alles dabei). Wir sollten alle öfter singen, oder?

Das waren sie, meine Highlights. Über Tipps freue ich mich sehr. Und wenn ihr in Leipzig wohnt: Geht alle in die Buchhandlung Serifee. Da sehen wir uns dann!

PS: Da ich weder von Serifee, noch von irgendeinem Verlag Geld für diesen Post bekommen habe, dürft ihr euch die Verlagsinformationen im Zweifel selbst raussuchen. Aber das lohnt sich!

2016

…ist fast geschafft.

Für mich hielt es eine wichtige Lektion bereit: Du kannst viel planen – aber dein Leben kann alle Pläne wieder einkassieren. Wenn die Gesundheit nicht mitspielt, dann machst du keine Kulturpolitik, kommst nicht mehr ins Bienenland und meldest dich nicht mehr bei deinen Kolleg*innen. Und wenn es dann besser geht, dann sortierst du, was wie wichtig ist, und fängst von vorne an.

Und noch etwas habe ich gelernt, und zwar von meinem wunderbaren kleinen Sohn: Du kannst ganz viel wollen und schreien und kämpfen und dir den Kopf stoßen, um es zu erreichen – und doch innen drin ganz weich bleiben. Und das ist wunderschön.

Also hoffe ich, dass dieses stürmische Jahr nun ruhig zuende geht, dass Paul MacCartney den morgigen Tag überlebt, und dass auf uns alle ein friedlicheres 2017 wartet. Und schließe mit einem Lied, dass mich an den Sommer erinnert, und an ein paar sehr euphorische Momente. Macht’s gut!

gut sein/gut sein lassen

Ich persönlich interessiere mich nicht so für Terrorismus.

Klar, es könnte passieren, dass ich einem Anschlag zum Opfer falle. Oder dass ich von einem Auto erwischt werde. Dass mir der Himmel auf den Kopf fällt. Dann ist es passiert. Jeden Tag angstvoll den Himmel anstarren werde ich deshalb nicht.

Eine gute Woche liegt der Anschlag vor Berlin nun zurück, inzwischen wurde Weihnachten gefeiert, ich habe gut gegessen, wurde viel zu reich beschenkt und bin einigermaßen über die Ermittlungen und zahlreiche neue (?), gute (??), sehr wichtige (???) Ideen der großen Parteien informiert. Aber das Thema Terrorismus interessiert mich immernoch nicht. Und ich habe auch keine Lust, mich über einen Nachrichtenstrudel dort hineinzusteigern.

Was mich interessiert, das ist Gewalt, in all ihren Ausprägungen – persönlich, gesellschaftlich, zwischen verschiedenen Gruppen, gegenüber einzelnen Menschen. Was mich vor allem interessiert, ist Empathielosigkeit. Das Fehlen der Fähigkeit, mitzufühlen, einen anderen Standpunkt zu erkunden und anzuerkennen, des Wunsches, mit dem Gegenüber fair und anständig umzugehen. Denn in erster Linie ist doch nur eins klar: Dass mir die Opfer und die Angehörigen der Opfer aller terroristischen Anschläge, aber auch anderer Gewalttaten (ob nun kriegerisch oder strukturell oder sonstwie) einfach leid tun. Dass ich das keinem wünsche. Und dass ich ihnen jede Hilfe gönne.

Und so einfach darf es scheinbar nicht sein. Jede neue Nachricht in Verbindung mit dem Berliner Anschlag ist verbunden mit dem Krieg der Timelines. Jede*r findet Fakten, die das eigene Weltbild bestätigen. An den Anschlag in XY denkt wieder niemand – Warum war der Täter noch nicht abgeschoben? – Aber radikalisiert hat er sich doch in Italien – und und und. Manche Meinungen stehen mir näher, manche finde ich persönlich ganz schrecklich. In der Gesamtheit erinnert mich das alles an erbitterte Streitereinen unter Pubertierenden, die letztendlich doch nur ihre eigene Persönlichkeit verteidigen. Leider um den Preis eines politischen Dialogs, der mittlerweile, mit Verlaub, unter aller Sau abläuft.

Ich weiß nicht, ob ich das kann, aber ich möchte gerne: an das Gute im Menschen glauben. Glauben, dass auch jemand mit völlig entgegengesetzten Positionen es grundsätzlich gut mit den Menschen meint. Oder wenigstens mal gemeint hat. (Ich weiß, das ist hart.) Dass ein großes Stück mehr Offenheit und Dialog uns aus dieser quälenden Rechthaberei befreien könnte, die unsere Gesellschaft befallen hat und seither vom Stammtisch übers Fernsehen und Internet in alle Bereiche des Lebens zu wuchern scheint.

Es ist sehr gefährlich, sich selbst für einen guten Menschen zu halten. Es trübt den Blick für die eigenen Schwächen.Vielleicht sollten wir es damit einfach mal gut sein lassen.