Ehrenamtliche Helfer_innen gesucht!

– kulturpädagogische Arbeit mit geflüchteten Kindern –

Das Angebot
Jeden Dienstag treffen sich in den Atelierräumen der Initiative „Hildes Enkel“ Kinder, die entweder im Asylbewerberheim Torgauer Straße wohnen oder ehemals dort gewohnt haben. Gemeinsam gestalten wir unsere Zeit nach den Ideen der Kinder: basteln, malen, spielen, verkleiden oder etwas bauen. Die Erwachsenen sind in diesem Prozess unterstützende Möglichmacher_innen, gehen auf die Ideen der Kinder ein. Probleme in der Gruppe werden möglichst gemeinsam gelöst, dabei können im gemeinsamen Prozess auch unkonventionelle Lösungen gefunden werden. Für diesen Raum gibt es einen Namen: Das Bienenland.

Die Arbeit
Das Angebot umfasst nach Absprache die Abholung der Kinder in der Torgauer Straße, die gemeinsame Gestaltung des Nachmittags und das Zurückbringen der Kinder. Wichtig sind eine grundsätzliche Offenheit im Umgang mit Menschen und neuen Situationen und Geduld und Kreativität bei Übersetzungsprozessen.

Organisatorisches
Das Angebot findet immer dienstags nachmittags statt:
15 Uhr Treffen des Teams
16-17:30 Uhr Abholen der Kinder im Heim, Angebot im Atelier „Hildes Enkel“
ab 17:30 Uhr Zurückbringen der Kinder.

Alle zwei Monate gibt es zudem ein Treffen aller ehrenamtlichen Helfer_innen, um aktuelle Entwicklungen, Erfahrungen und Probleme zu besprechen.

Wer/Was steht dahinter?
Das Bienenland ist aus dem Projekt „Wo die wilden Bienen wohnen“ hervorgegangen, dass 1,5 Jahre von mehreren Trägern unter Leitung/nach einer Idee der Künstlergruppe „Performance-Firma Wessel&Hoffmann“ aufgebaut wurde.
Inzwischen hat sich das Bienenland zu einem regelmäßigen kulturpädagogischen Angebot entwickelt, das von Ehrenamtler_innen getragen wird. Betreut wird es von den Theater-/Kulturpädagoginnen Katharina Wessel, Solveig Hoffmann, Johanna Dieme, Kara Pegels und Bettina Salzhuber, von denen an jedem Termin mindestens eine anwesend ist und die zudem bei Problemen als Ansprechpartnerinnen zur Verfügung stehen.

Interesse?
Wir freuen uns sehr über Menschen, die Lust haben, das Bienenland kennenzulernen und evtl. zu unterstützen!

Kontakt: bienenland@eexistence.de

Ein Auftakttreffen für alle Interessierten wird es unter dem Titel „Freiwillig mit Kuchen“ am 21.10. um 15 Uhr im Atelierraum „Hildes Enkel“ geben: Hildegardstraße 49, 2. Stock.
Bei Kaffee und Kuchen können hier alle Fragen in persönlicher Runde geklärt werden.

Hier geht’s zur Facebook-Veranstaltung „Freiwillig mit Kuchen“.

Auf bald, wir freuen uns!

Menschenrechte betreiben. Über die Organisation von Asylbewerberheimen.

Ich fahre wieder regelmäßig. Ins Asylbewerberheim. Seit 2013 tue ich das nun, mit einer längeren Pause durch die Elternzeit. Nun bin ich wieder da: Neue Kinder, neue Eltern, ein frisch renoviertes und erweitertes Heim.

Neu ist auch (schon wieder!) der Betreiber des Heims. In den knapp vier Jahren, die ich nun dorthin fahre, ist es der dritte Betreiber, den ich erlebe. Und es ist bezeichnend, was neu ist, und was immer gleich bleibt. Deshalb schreibe ich hier aus der Position der Ehrenamtler_innen, die mit den Menschen im Heim arbeiten, über die Organisation eines Ortes, der letztlich dem Schutz von Menschenrechten dient.

Ende Mai erreicht mich eine Mail: Das Team der Sozialpädagog_innen verabschiedet sich. Ab dem 1. Juni wird alles anders sein. Und ja: Als ich am 6. Juni das Gelände betreten will, stoße ich sofort auf neue Gesichter. Die Security an der Pforte ist komplett neu besetzt. Sie rufen einen freundlichen Sozialpädagogen an, der kurz mit mir spricht. Er ist einer von zweien, die als Springer aus anderen Heimen herversetzt wurden, um übergangsweise ca. 150 Menschen zu betreuen. Er hat noch keine Telefonnummer und keine Mailadresse. Und 100.000 Aufgaben.

Niemand ist da, um das Spielzimmer für die Kinder zu öffnen. Das obliegt nun (wie schon damals 2013) uns Ehrenamtler_innen. Wenn wir nicht kommen, passiert es nicht.

Noch können wir auch keine Verträge mit dem Betreiber abschließen. In diesen werden die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Arbeit der Ehrenamtler_innen festgelegt. Eine Formalität, aber im Falle eines Unfalls kann das sehr wichtig werden. Wir werden lediglich gebeten, im Laufe der nächsten Wochen Ausweiskopien an der Pforte zu hinterlegen.

Die Kinder rufen nach ihrem früheren Pädagogen. Der nicht mehr kommen wird, weil er vom neuen Betreiber nicht übernommen wurde.

Und ich? Ich kenne das ja schon. Ich habe Verständnis für die Lage der einzelnen Menschen vor Ort. Es ist überfordernd, in diesem riesigen Apparat, mit diesen vielen vielen Menschen, die alle existentielle Nöte haben zu arbeiten. Der Situation gerecht zu werden. Und die Verlockung ist groß, in dieser Situation „den alten Hasen“ zu geben, etwas zu schimpfen aber im Großen und Ganzen stolz darauf zu sein, dass man jetzt zu den Dienstältesten Personen im Heim gehört. Fürchterlich.

Für die Menschen, die dort wohnen, auf Hilfe bei der Wohnungssuche warten, auf Hilfe bei der Bearbeitung endloser Briefe der Behörden, die Angst vor der Abschiebung haben oder dringend soziale Hilfen benötigen, für die ist dieser Zustand nicht hinnehmbar. Ein normaler Übergangszustand? Vielleicht, aber warum hat der Betreiber überhaupt schon wieder gewechselt? Warum gibt es überhaupt einen „Betreiber“?

Wenn sich mit Menschen, die definitiv in Armut leben, immernoch so viel Geld verdienen lässt, dass es sich lohnt, mit Asylbewerberheimen Geschäfte zu treiben, dann geht das Geld an die falsche Stelle. Man könnte es für mehr Sozialpädagog_innen und eine unabhängige Rechtsberatung ausgeben. Für eine kontinuierliche Begleitung von verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Kurz, für all das, was Einzelne stärkt und ihnen die Integration bzw. Inklusion in unsere Gesellschaft ermöglicht. Hier geht es, wie man so schön sagt, um unsere Steuergelder, die dort versickern, wo andere verdienen. Bitte empören. Jetzt.

In einer früheren Version des Textes hatte ich von mehreren hundert Bewohner_innen des Asylbewerberheims gesprochen. Tatsächlich wurde dieses im letzten Jahr renoviert und erweitert – wie ich gestern erfahren habe, ist nun allerdings nur ein kleiner Teil des Heims bewohnt. Aktuell wohnen ca. 150 Personen dort.

Endlich: NETZWERKTREFFEN KUNST, KULTUR UND INTEGRATION

Es gibt in Leipzig (inzwischen) viele viele Künstler_innen und Kulturpädagog_innen, die sich mit Geflüchteten beschäftigen oder dies angesichts der aktuellen Debatte planen. Ideen und Anträge purzeln sozusagen um die Wette, und oft erfährt man erst viel zu spät von den Erfahrungen und Möglichkeiten des anderen. Gefühlt treffe ich seit ca. einem Jahr fast wöchentlich einen engagierten Menschen, der mir erzählt, jetzt mal eine Plattform zu schaffen/ein Treffen zu organisieren, bei dem „das alles vernetzt wird“. Am besten auch noch mit all den anderen ehrenamtlichen Projekten, sozialen Hilfen und kirchlichen Angeboten. Eine durchschlagende Wirkung hat von diesen Menschen in meiner Wahrnehmung noch niemand erzielt, wobei ich ihr Engagement sehr respektiere: Der Bedarf ist da, und es ist keine leichte Aufgabe, eine unüberschaubare Zahl nicht oder sehr verschieden organisierter Menschen an einen Tisch zu bringen.

Nun hat das LOFFT zum NETZWERKTREFFEN KUNST, KULTUR UND INTEGRATION eingeladen – nach langer Überlegung, was man im eigenen Theater angesichts der Debatte um Geflüchtete wirklich tun könne. Dass so lange überlegt wurde und nicht Hals über Kopf ein gut gemeintes Projekt angezettelt wurde, ist mir sympathisch. Denn wie gesagt: Ein solches Netzwerktreffen war überfällig. Und Ehrenamtler_innen/einzelne Akteure haben nunmal nicht die Ressourcen so breit einzuladen, wie eine Institution. Insofern wurde auf einen reellen Bedarf eingegangen.

Das wurde auch insofern schnell sichtbar, als es wirklich voll war – ca. 70 Personen – und dass auch nach Ende der Veranstaltung noch lange geredet wurde. Zum Glück beschränkte sich das Arbeiten nicht auf eine 2-stündige Vorstellungsrunde; stattdessen wurde klar strukturiert zu bestimmten Themen diskutiert. Und so entstand, was bei einer ersten Veranstaltung dieser Art entstehen muss: Ein weiter Überblick über ganz verschiedene Themen und Fragen, etwa zu den Zielen und Motivationen der Kulturschaffenden sich mit Geflüchteten zu beschäftigen, oder auch zu den ganz realen Problemen, die dabei auftauchen. Vieles ging mir persönlich nicht tief genug, aber das liegt wohl in der Natur eines ersten Treffens. Schade auch, dass mir kaum Vertreter_innen der großen städtischen Kultureinrichtungen über den Weg liefen – schließlich hätten gerade diese die Ressourcen, größere Projekte anzugehen. Und überhaupt: Warum musste dieses überfällige Netzwerktreffen mit dem LOFFT überhaupt von einem Vertreter der freien Szene gestemmt werden? Wäre das nicht eine wunderbare Aufgabe für das Kulturamt gewesen, das doch ein Interesse daran haben muss, all die Inititativen zu vernetzen und selbst einen Überblick zu erhalten? Zumal ein Förderschwerpunkt für das Jahr 2016 doch Inklusion und Migration heißt…

Am Ende des Abends stand eine große Aufzählung von Themen, Problemen, Fragen und Ideen. Die meisten betrafen all die vielen Probleme, die in der Arbeit mit Geflüchteten immer wieder auftauchen und um die man nicht herumkommt; letztlich existentielle Fragen um Politik, aber auch Lebenssicherung, Umgang mit Sprachproblemen, mit Traumata. Praktische Probleme, die riesengroß sind.

Was nun meines Erachtens ganz dringend diskutiert werden muss: Was ist unsere Rolle als Kulturschaffende in diesem Wust aus Fragen und Problemen? Sollten wir jetzt die besseren Sozialarbeiter_innen werden und nur ab und an ein paar Malstifte rauslegen? Oder rigoros die Loop-Station rausholen, auch wenn keiner mitmachen will und die Interessen der Geflüchteten möglicherweise ganz woanders liegen? Was kann Kunst zu der Situation wie sie jetzt ist beitragen?

Und wie können wir den Geflüchteten selbst besser zuhören, sie einbeziehen, mit ihnen zusammenarbeiten?

Eine Antwort darauf ist mir übrigens 2 Tage später über den Weg gelaufen. Lama Souissey hat schon oft für mich übersetzt: Im Bienenland, in der GfZK, im privaten Kontakt. Sie übersetzt für wahnsinnig viele Menschen in Leipzig, aber – sie studiert auch Illustration an der HGB. In ihrem Buch „Abud. Der Friseur (ohne Ausbildung)“ hat sie einen sehr einfachen und wunderschönen Weg gefunden, aus all dem, was sie in der Torgauer Straße gehört hat, Kunst zu machen. Sie hat einfach erzählt, was ihr erzählt wurde und was sie gesehen hat. Auf ihre eigene, persönliche Weise.

Vielleicht sollten wir damit erstmal anfangen?

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Offener Brief des Bienenlands an Burkhard Jung

Von Staatschef zu Staatschef: Am Dienstag besuchte eine Delegation des Bienenlands die Kindersprechstunde des Chefs von Leipzig, Burkhard Jung. Mit dabei: Ein Brief voller Probleme, die aus Sicht des Bienenlands auf internationaler Ebene angegangen werden müssen. Herr Jung versprach Antwort, den kompletten Brief findet ihr unten. Die BienenbürgerInnen hatten indes auf ihrer Auslandsreise großen Spaß und freuen sich über weitere Begegnungen.

Lieber Herr Chef von Leipzig,

vielleicht wissen Sie das noch gar nicht, aber seit einem Jahr gibt es in Leipzig ein neues Land: Das Bienenland. Das Bienenland ist ein sehr kleines, aber freies und lustiges Land. Es hat ungefähr 40 BürgerInnen und residiert zur Zeit in einer Projektwohnung in der Hildegardstraße 49. Die BienenbürgerInnen kommen aus sehr vielen unterschiedlichen Ländern, zum Beispiel Syrien, Tschetschenien, dem Sudan, Irak, Deutschland uvm. Unsere Nationalspeise sind Honigwaffeln und unsere Nationalhymne heißt Coco Jambo. Wir lieben es Feste zu feiern und tun das auch, wann immer möglich. Wir treffen uns oft zu Versammlungen, bei denen viele Wort fallen. Gibt es in Ihrem Land Leipzig auch Versammlungen? Und was machen Sie, wenn diese Versammlungen langweilig sind?
Letzte Woche fanden in Bienenland Wahlen statt und wir haben eine Chefin für die Mädchen und einen Chef für die Jungen gewählt. Außerdem gibt es bei uns zwei Problemchefs. Die Problemchefs hören sich die Probleme der BienenbürgerInnen an und schreiben sie auf. Manche dieser Problem müssen wir dann in Bienenland besprechen, z.B:

„Jemand hat bei der Wahl gesagt, dass er mir viel Schmuck gibt, wenn ich seinen Namen auf den Wahlzettel schreibe.“
oder
„Ich habe ein Problem, weil jemand mich schlägt und sagt, dass ich dumm bin.“

Was machen Sie, wenn es in Leipzig Bestechungen gibt? Oder wenn sich Leute beschimpfen oder schlagen?

Manche Probleme haben aber auch nichts mit Bienenland zu tun und können deshalb auch nicht in Bienenland gelöst werden, z.B.

„Ich habe ein Problem mit meiner Mama. Warum kauft sie mir nicht ein neues Handy? Ich habe sie gebeten, dass sie mir ein neues Handy kauft.“

„Ich habe ein Problem mit allen Jungs in meiner Klasse. Wir sind zehn Jungs in der Klasse und nur 9 Mädchen. Das ist nicht gerecht.“

Gibt es in Leipzig auch einen Problemchef? Wenn ja, dann würden wir gerne mit dieser Person sprechen. Manchmal haben wir nämlich auch Probleme, für die der Leipziger Problemchef zuständig sein müsste:

„In Syrien war ich in der 7. Klasse und dann in Italien war ich in der 6. Klasse. Und jetzt bin ich in Deutschland gehe ich in die 4. Klasse. Dabei bin ich schon 12 Jahre alt. Wieso ist das so? In meiner Klasse sind alle viel jünger als ich, die interessieren sich nicht für die gleichen Sachen, wie ich. Wie soll ich da neue Freunde finden?“

„Ich möchte gerne in die Schule gehen. Ich gehe gern in die Schule.“

„In meiner Klasse gibt es keinen Sportunterricht. Ich will aber Sport machen, wie alle anderen.“ (hat sich erledigt)

„Ich möchte gerne ein schönes Zuhause. Ich möchte nicht mehr im Heim wohnen. Das Heim ist nicht gut. Wir waren schon in Dresden, alles war gut. (Naja, nicht alles: Wir hatten für alle Leute nur zwei Toiletten, eine für Mädchen und eine für Jungen.) Dann mussten wir nach Leipzig, aber keiner sagte uns, warum. Jetzt sind wir in einem Heim mit vielen Kakerlaken. Draußen ist es sehr kalt, deswegen sind jetzt alle Kalerlaken bei uns drin.“

Vielleicht haben Sie eine Idee, wie im Land Leipzig diese Probleme gelöst werden könnten?

Falls Sie mal in einem neuen Land leben müssen, können Sie gerne nach Bienenland kommen. Bei uns ist jeder willkommen und wer Bürger von Bienenland werden will, kann sich selber einen Pass basteln.

Mit freundlichen Grüßen
Die BienenbürgerInnen

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Jan Fleischhauer und die Flüchtlingseuphorie

Heute früh öffnete ich Facebook. Ich sah, dass der Leipziger CDU-Abgeorndete Dr. Thomas Feist eine Kolumne von Jan Fleischhauer über „Deutschland und die Flüchtlinge“ geteilt hatte. Ich las. Selten macht mich ein Post so wütend, dass ich 8 Stunden später doch noch etwas dazu schreiben will. Erschwerend wirkt sicher, dass Dr. Feist als Abgeordneter den Text offensichtlich für lesenswert hält. Deshalb hier meine Meinung Stück für Stück.

„Die Flüchtlingseuphorie nimmt bedenkliche Formen an. Vielen reicht es nicht mehr, die Fremden, die zu uns kommen, freundlich aufzunehmen – sie wollen in jedem Asylbewerber gleich einen Neubürger sehen.“
Das ist zunächst einmal eine Behauptung, nein, es sind mehrere Behauptungen:
1. dass es eine Flüchtlingseuphorie gäbe, 2. dass diese bedenkliche, mithin beunruhigende Ausmaße erreicht habe,    3. dass „viele“ Deutsche alle Flüchtlinge einbürgern lassen wollen.
Mal abgesehen davon, dass keine dieser Behauptungen irgendwo mit Zahlen untersetzt wird, bedient diese Formulierung denn auch noch in eloquenter Weise die Angst „dass dann alle bleiben, dann haben wir die … hier, die gehen dann nicht mehr weg“. Klingt nach Bürgerinitiative gegen jedes beliebige Asylbewerberheim.
Nun gut, wende ich mal selbst ein, vielleicht hat Herr Fleischhauer aber in seinem Bekanntenkreis überdurchschnittlich viele Personen, die eine Flüchtlingseuphorie erleben, die helfen, helfen, und ein paar T-Shirts spenden wollen und dabei womöglich auch noch naiv vorgehen und das ganze in 6 Wochen aufgeben werden. Vielleicht geht es Dr. Feist, der den Artikel heute morgen auf Facebook teilte, ganz genauso. Vermutlich packt die junge Union gerade jede Menge Seifenpäckchen.
Doch halt! Es ist nicht so einfach: Es gibt nicht nur „Musterflüchtlinge“!
„Eine Antwort könnte sein, dass nicht alle, die zu uns kommen, so leistungswillig und perfekt ausgebildet sind wie Feras.“
Das ist richtig. Tatsächlich beobachte ich bereits seit einer Weile, dass die Politik sogar ganz gerne ein Bild zeichnet von hilfsbedürftigen Flüchtlingen aus Syrien (die dann natürlich auch gut ausgebildet sein können), und „Balkan-Flüchtlingen“, die uns im Schulhofjargon nur ausnutzen wollen. In dieser schematischen (und für meine Begriffe zutiefst diskriminierenden) Aufteilung zeigt sich bereits, dass in der Presse beileibe nicht nur von „Musterflüchtlingen“ die Rede ist.
Aber bleiben wir bei den syrischen Geflüchteten: Fleischhauer ist nämlich etwas aufgefallen, was den euphorischen Helfern noch neu ist. DIE SIND GAR NICHT ALLE NETT!
Für diese Erkenntnis habe ich als sowohl professionell als auch ehrenamtlich mit Geflüchteten arbeitende Person nun ein kräftiges… Achselzucken. Manche Menschen mag man, manche nicht. Manchmal trennen einen Sprachen. Manchmal Weltanschauungen. Manchmal interessiert man sich für verschiedene Sachen. Und wenn jemand den IS super findet, dann verstehen wir uns vermutlich tatsächlich nicht. Das alles ändert aber nichts daran, dass für jeden, JEDEN Menschen die Menschenrechte gelten. Für Jan Fleischhauer, für Dr. Thomas Feist, für mich und auch für einen am besten sogar besoffenen Balkan-Flüchtling, der leider kein syrischer Herzchirurg ist.
Die Sorge, dass die Stimmung der Helfenden, wenn sie das plötzlich herausfinden (denn das haben all diese möglicherweise denkenden und eigenverantwortlich handelnden Menschen vermutlich wirklich nicht bedacht) in große Ängste und fremdenfeindliche Zustände umschlägt, ist nun ein wunderbares Feigenblatt, um die simple Unlust zu verbergen, weniger leistungsbereite Menschen aufzunehmen. Sie bildet einen vorauseilenden Gehorsam gegenüber rassistischen Stimmungen ab, der in Sachsen gerade sowieso en vogue ist. Für jemanden, der eine kritische Kolumne schreibt, ist sie ein putziges Argument. Müsste Herr Fleischhauer sich nicht eher damit beschäftigen, was und wer wirklich helfen kann und wie man der Gefahr eines Stimmungsumschwungs entgegentreten kann?
Tatsache ist doch, dass in der Flüchtlingshilfe viel zu wenig Fachkräfte arbeiten. Wenn die Politik hier Stellen schaffen würde, dann bräuchte niemand einen angeblichen Hype. Dann würden Profis mit den Geflüchteten arbeiten. Andere Kontakte (die selbstverständlich ebenfalls unerlässlich sind) wären dann rein privat. Kompetente Profis suchen nicht nur Selbstbestätigung oder neue Freunde, sie arbeiten mit den Menschen unabhängig von persönlichen Sympathien. Und wenn ihnen wirklich jemand unterkommt, der den IS nach Hintertupfingen bringt, dann können sie reagieren. Das kostet Geld. Aber wäre es nicht die bessere Alternative? Oder anders gefragt: Wäre es nicht besser, wenn die Menschen, über die wir „sehr wenig wissen“ professionell begleitet würden, die Euphorie sich darauf beschränken würde, die neuen Nachbarn kennenlernen zu wollen – und die Menschenrechte für alle Herzchirurginnen und Penner gleichermaßen gelten würden?
Linke idealisieren Fremde als „edle Wilde“ und „kämpfende Proletarier“, schreibt Herr Fleischhauer abschließend noch. Und dass die Menschen in Wahrheit zu uns kommen, weil sie unser System attraktiv finden.
Ich kommentiere das nicht inhaltlich. Aber ich empfinde es als eine Unverschämtheit, mir solche Sätze anhören zu müssen. Seit 2 Jahren arbeite ich mit Geflüchteten. Weniger Respekt habe ich bisher nur in rassistischen Kommentaren zu anderen Artikeln erlebt.

„I think you forgot me“ – #merkelstreichelt

„I think you forgot me“ – so begrüßte mich am letzten Mittwoch ein schwer von Narben gezeichneter Mann im Asylbewerberheim in der Torgauer Straße. Wir hatten uns schon mal unterhalten. Er lächelt fortwährend, spricht überaus freundlich auf englisch, er ist allein in Deutschland und sucht dringend eine Wohnung. Vor einigen Wochen bat er mich dabei um Hilfe. Ich sagte ihm, dass ich mich umhören würde, ihm aber nichts versprechen könne, denn solche Gespräche führe ich immer wieder, und ich habe leider einfach keine Wohnungen. Und auch nicht die Kapazitäten, allen die fragen bei der Wohnungssuche zu helfen. Ich schaffe es nicht. Es sind zu viele.

Zu viele? Moment mal!

„Wenn wir jetzt sagen “Ihr könnt alle kommen”, und “Ihr könnt alle aus Afrika kommen” und “Ihr könnt alle kommen”, das können wir auch nicht schaffen.“ Quelle: Leitmedium

Einen Tag später ging das Video des Gesprächs zwischen der Bundeskanzlerin und einem Mädchen mit Fluchthintergrund durchs Netz. Und ich sage es mal andersrum als viele andere: Sie war keinen Deut besser als ich.

Natürlich  hat sie in ihrer Position einen größeren Gestaltungsspielraum, und ich freue mich sehr, wenn die katastrophale Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ins Blickfeld gerückt wird. Wenn der hashtag #merkelstreichelt trendet, steckt da neben wichtiger Kritik aber auch richtig viel Schadenfreude drin. Man gönnt es der Merkel, jetzt PR-mäßig mal schön in der Klemme zu stecken. Ich gönne es ihr auch, immer druff.

Unangenehm ist mir aber, dass das Bild eines Mädchens, das seinen Standpunkt mutig und eloquent vertreten hat, jetzt als „weinendes Flüchtlingsmädchen“ rumgereicht wird. Unangenehm ist mir auch der Gedanke, dass der eingangs erwähnte Mann mit seinen sichtbaren und unsichtbaren Narben vermutlich nicht dazu taugen würde, Merkel derart in Verlegenheit zu bringen. Und der angetrunkene Mann, der 2 Bänke weiter saß sowieso nicht. Kein gutes Kameramaterial.

Wir freuen uns, dass echtes menschliches Fühlen eine PR-Aktion sprengt? Ich bin dabei! Aber das sollte dann bitte auch menschliche Folgen haben: Nicht ähnliche PR aus der anderen Richtung.

Das kann es doch nicht gewesen sein.

PS: Der Moderator des Gesprächs, Felix Seibert-Daiker, war spitze!