Offener Brief des Bienenlands an Burkhard Jung

Von Staatschef zu Staatschef: Am Dienstag besuchte eine Delegation des Bienenlands die Kindersprechstunde des Chefs von Leipzig, Burkhard Jung. Mit dabei: Ein Brief voller Probleme, die aus Sicht des Bienenlands auf internationaler Ebene angegangen werden müssen. Herr Jung versprach Antwort, den kompletten Brief findet ihr unten. Die BienenbürgerInnen hatten indes auf ihrer Auslandsreise großen Spaß und freuen sich über weitere Begegnungen.

Lieber Herr Chef von Leipzig,

vielleicht wissen Sie das noch gar nicht, aber seit einem Jahr gibt es in Leipzig ein neues Land: Das Bienenland. Das Bienenland ist ein sehr kleines, aber freies und lustiges Land. Es hat ungefähr 40 BürgerInnen und residiert zur Zeit in einer Projektwohnung in der Hildegardstraße 49. Die BienenbürgerInnen kommen aus sehr vielen unterschiedlichen Ländern, zum Beispiel Syrien, Tschetschenien, dem Sudan, Irak, Deutschland uvm. Unsere Nationalspeise sind Honigwaffeln und unsere Nationalhymne heißt Coco Jambo. Wir lieben es Feste zu feiern und tun das auch, wann immer möglich. Wir treffen uns oft zu Versammlungen, bei denen viele Wort fallen. Gibt es in Ihrem Land Leipzig auch Versammlungen? Und was machen Sie, wenn diese Versammlungen langweilig sind?
Letzte Woche fanden in Bienenland Wahlen statt und wir haben eine Chefin für die Mädchen und einen Chef für die Jungen gewählt. Außerdem gibt es bei uns zwei Problemchefs. Die Problemchefs hören sich die Probleme der BienenbürgerInnen an und schreiben sie auf. Manche dieser Problem müssen wir dann in Bienenland besprechen, z.B:

„Jemand hat bei der Wahl gesagt, dass er mir viel Schmuck gibt, wenn ich seinen Namen auf den Wahlzettel schreibe.“
oder
„Ich habe ein Problem, weil jemand mich schlägt und sagt, dass ich dumm bin.“

Was machen Sie, wenn es in Leipzig Bestechungen gibt? Oder wenn sich Leute beschimpfen oder schlagen?

Manche Probleme haben aber auch nichts mit Bienenland zu tun und können deshalb auch nicht in Bienenland gelöst werden, z.B.

„Ich habe ein Problem mit meiner Mama. Warum kauft sie mir nicht ein neues Handy? Ich habe sie gebeten, dass sie mir ein neues Handy kauft.“

„Ich habe ein Problem mit allen Jungs in meiner Klasse. Wir sind zehn Jungs in der Klasse und nur 9 Mädchen. Das ist nicht gerecht.“

Gibt es in Leipzig auch einen Problemchef? Wenn ja, dann würden wir gerne mit dieser Person sprechen. Manchmal haben wir nämlich auch Probleme, für die der Leipziger Problemchef zuständig sein müsste:

„In Syrien war ich in der 7. Klasse und dann in Italien war ich in der 6. Klasse. Und jetzt bin ich in Deutschland gehe ich in die 4. Klasse. Dabei bin ich schon 12 Jahre alt. Wieso ist das so? In meiner Klasse sind alle viel jünger als ich, die interessieren sich nicht für die gleichen Sachen, wie ich. Wie soll ich da neue Freunde finden?“

„Ich möchte gerne in die Schule gehen. Ich gehe gern in die Schule.“

„In meiner Klasse gibt es keinen Sportunterricht. Ich will aber Sport machen, wie alle anderen.“ (hat sich erledigt)

„Ich möchte gerne ein schönes Zuhause. Ich möchte nicht mehr im Heim wohnen. Das Heim ist nicht gut. Wir waren schon in Dresden, alles war gut. (Naja, nicht alles: Wir hatten für alle Leute nur zwei Toiletten, eine für Mädchen und eine für Jungen.) Dann mussten wir nach Leipzig, aber keiner sagte uns, warum. Jetzt sind wir in einem Heim mit vielen Kakerlaken. Draußen ist es sehr kalt, deswegen sind jetzt alle Kalerlaken bei uns drin.“

Vielleicht haben Sie eine Idee, wie im Land Leipzig diese Probleme gelöst werden könnten?

Falls Sie mal in einem neuen Land leben müssen, können Sie gerne nach Bienenland kommen. Bei uns ist jeder willkommen und wer Bürger von Bienenland werden will, kann sich selber einen Pass basteln.

Mit freundlichen Grüßen
Die BienenbürgerInnen

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Jump and Run: freiberuflich Mutter werden

Es ist ruhig geworden auf dem Blog. Ich schreibe weniger. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Ich bin schwanger.

Das bedeutet nun mitnichten, dass ich meine Finger nicht mehr bewegen oder keinen klaren Gedanken mehr fassen könnte. Ich plane auch nicht, zum Mutti-Blog überzugehen. Vielmehr ist es so, dass Hirn und Hände damit beschäftigt sind, die Veränderungen in meinem Leben zu organisieren. Denn selbstständig und über die Künstlersozialkasse versichert schwanger zu sein bedeutet in erster Linie eines: Keiner weiß irgendetwas. Und die Verwaltungsgesellschaft schlägt mit Wonne zu.

„Ich bin Freiberuflerin, das heißt, ich bekomme kein regelmäßiges Gehalt vom Arbeitgeber, sondern…“ – diese Worte stammen nicht von mir, sondern von der Hebamme. Niedergelassene ÄrztInnen und Hebammen, alle sind sie selbstständig, aber jenseits der gesundheitlichen Ebene kommen wir nicht ins Gespräch. Schade, denn ÄrztInnen und Hebammen schreiben auch Millionen Ratgeber, in denen sich stets auch einige Seiten zu Elterngeld, gesetzlichen Fristen und Arbeitsrecht finden. Für Angestellte. Ich muss mich dann nochmal irgendwo genauer erkundigen.

Also Google. Viele Informationen, und immer der Hinweis: Lassen Sie sich nochmal persönlich beraten. Eines scheint sinnvoll zu sein: Eine gute Krankentagegeldversicherung, falls es gegen Ende doch beschwerlich wird. Diese Zusatzversicherung wollte ich sowieso schon länger abschließen. Also auf zu meiner Krankenkasse, der BARMER. Die bewirbt ihr Programm für „Künstler und Publizisten“ auf der bundesweiten Homepage – hat es aber in den letzten 2 1/2 Monaten nicht geschafft, das entsprechende Formular für mich zu finden.

Mein Freund ruft bei der Stadt an: Wo können wir uns zum Elterngeld beraten lassen? Ja, da gibt es einen Termin im Dezember im Ratsplenarsaal, da können alle hinkommen, da wird das erklärt. Aus mehreren Veranstaltungen habe ich die Erfahrung mitgenommen, dass ich im Ratsplenarsaal der Stadt Leipzig selten etwas gehört habe, was ich noch nicht wusste. Ich recherchiere also erstmal selbst weiter. Eigentlich habe ich alles richtig gemacht: Schon ein paar Jahre gearbeitet, Berechnungsgrundlage ist das Einkommen des letzten Jahres, und da die Gründung schon eine Weile zurückliegt, ist das finanziell nicht viel, aber okay. Wenn ich dann allerdings wiederkomme, dann verdiene ich erstmal: Nichts. Schon Monate vorher müsste ich schließlich Anträge stellen, Aufträge aquirieren. Alles kein Problem, bis zu 30 Stunden darf ich mit Elterngeld unbezahlt arbeiten. Nur vage kann ich mir vorstellen, was mein Kind dazu sagen wird. Wie also deichseln wir das, dass mein Freund Elternzeit nehmen kann, ohne dass wir finanzielle Probleme kriegen?

Beruflich habe ich viel Kontakt zu Kindern mit schlechter gesundheitlicher Versorgung. Häufig an Orten mit eher mittelmäßigen hygienischen Möglichkeiten. Ich mag diese Arbeit und vor allem diese Kinder sehr, aber plötzlich stehe ich auch hier vor der Frage: Worauf muss ich achten? Was sollte ich nicht mehr machen? Lakonische Antwort meiner Ärztin: „Das muss Ihr Arbeitgeber entscheiden.“ Das bin ich. Ich entscheide also: Mehr Hände waschen, keine Einschränkungen. Und wünsche mir insgeheim, allwissend zu sein, einfach um allen gerecht werden zu können: meinem Kind, meinen besorgten Eltern, den Kindern, die nichts falsch gemacht haben, die nur selbst schlecht versorgt werden, den Kollegen, für die das eben doch abstrakter ist, als für mich.

Schließlich der Endgegner: Die KSK. Was muss ich bezüglich der Künstlersozialkasse beachten? Ich rufe einfach mal an, die KSK ist für ihren Telefonservice schließlich berühmt. Jede meiner Fragen ist dumm. Das Prozedere: Dass ich mein Jahreseinkommen 2016 so schätzen muss, als ob ich gar kein Kind bekommen würde. Und dann die Bescheinigung einreiche: Hoppla, da kommt ein Kind. Dann vorübergehend aus der KSK fliege und bei rechtzeitiger Rückmeldung problemlos wieder aufgenommen werde. (Sonst nicht!) Dieses Prozedere ist das einzig Vorstellbare. In meinem nächsten Leben werde ich Sachbearbeiterin bei der KSK. Denn dann weiß ich einfach mal, wie es läuft. Und alle anderen nicht.

„Wie lange möchten Sie noch arbeiten?“ – auch diese Frage stellt mir eine Hebamme. Ich freue mich darüber, und gleichzeitig klingt es doch nach Luxus. Durch die Schwangerschaft habe ich mir weniger aufgeladen. Ich kann keine Aufträge über die komplette Spielzeit durchführen. Die Wahrheit ist: Ich arbeite schon jetzt weniger, verdiene weniger. Trotzdem werde ich wohl so lange wie möglich Aufträge annehmen. Gerne (dass ich das mal sagen würde, hätte ich auch nicht gedacht) solche, die am Schreibtisch zu erledigen sind.

PS: Eigentlich wollte ich diesen Artikel schreiben, wenn ich all diese Fragen beantwortet habe. Das erscheint mir derzeit aber ein eher theoretischer Zustand zu sein. Wenn ihr mehr wisst oder ich Sachen falsch recherchiert habe: Schreibt mir, wie es geht!!!

PPS: Das ist ein einigermaßen beruflicher Blog. Trotzdem: Auf mein Kind freue ich mich sehr. Und es wird früh lernen, Anträge auszufüllen 😉

Was wir über das Bienenland wissen

Das Intensivangebot des Projekts „Wo die wilden Bienen wohnen“ ging letzte Woche in die zweite Runde. Unsere Gruppe aus Kindern und Erwachsenen mit deutschen, palästinensischen, syrischen, iranischen und kurdischen Wurzeln organisiert sich als eigener Staat: Das Bienenland. Letzte Woche allerdings deutlich undemokratischer, denn eigentlich, und das empfinde ich als zutiefst menschlich, wollen die BienenbürgerInnen nur eines: Dass gut für sie gesorgt wird. Was wir aktuell über unseren Staat sagen können, haben wir hier zusammengefasst.

„Bienenland ist ein freies Land. Man kann sagen, was man will, man kann kochen, tanzen… Es ist ein lustiges Land.“

Die Landessprache heißt „biendarabisch“. Zur Stunde gibt es hier zwei allgemein anerkannte Begriffe: „Guten Bienentit!“ und „Bienenburtstag“.

Es gibt ein einziges Gesetz: „Respekt & alle hören auf die Chefs“.

Chefs werden in den Bienenlandversammlungen von den BienenbürgerInnen bestimmt. Inzwischen gibt z. B. es Chefs für Spiele, Tanz, Malen, Dekoration, Sprachen, TV und Chillen.

In Versammlungen werden alle Fragen des Zusammenlebens zweimal täglich geklärt. Außerdem gibt es eine Versammlung, wenn ein ernstes Problem auftritt. Das sorgt für einigen Unmut. Manche BienenbürgerInnen wünschen sich statt der Versammlungen eine Diktatur.

Am Ende einer Versammlung pflegen die BienenbürgerInnen zur Nationalhymne Coco Jambo zu tanzen.

Der wichtigste Posten war bisher der des Streitchefs.

In der jüngsten Geschichte entschieden sich die BienenbürgerInnen allerdings dafür, die Streitchefs abzuschaffen und 2 erwachsene Problemchefs einzuführen: Nina und Solveig. Es hat sich gezeigt, dass die Problemchefs bestimmte Kompetenzen haben sollten:
– Alle müssen auf sie hören.
– Sie dürfen kein persönliches Interesse am Streitwert haben.
– Sie müssen alle Informationen über Bienenland haben.

Mit den neuen Problemchefs können sich die BienenbürgerInnen entspannen. Die langen Versammlungen werden reduziert. Man ist allgemein zufrieden.

BienenbürgerInnen tauschen gerne ihre Namen. Tauschen sie mit einer Problemchefin, tauschen sie allerdings ausdrücklich nur den Namen, nicht aber die Verantwortung.

Es gibt vorerst keine Chefs für unangenehme Aufgaben.

BienenbürgerInnen besuchen gerne andere Länder und freuen sich, die dortigen Gebräuche zu entdecken. Auch über kleine Geschenke und Aufmerksamkeiten freuen sie sich immer.

Das Bienenland lebt, so lange andere Länder es schützen und akzeptieren.

Das Projekt „Wo die wilden Bienen wohnen II“ ist eine Kooperation von: Kinder- und Jugendkulturwerkstatt JOJO, Quartiersmanagement Leipziger Osten, 16. Oberschule Leipzig, Human Care/ Asylbewerberheim Torgauer Straße. Es wird gefördert durch den Bundesverband freier Theater im Programm tanz + theater machen stark.

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Der „Ich bin eine Biene – Schock“

Ich bin nicht so „pädagogisch pädagogisch“. Ich finde es nicht schlimm, wenn Kinder mal ihr Handy in der Hand haben, und die meisten Schimpfwörter sage ich vor ihnen. Und ganz sicher ist youtube kein Weltuntergang. Anders als manche (immer seltenere) Kollegen, denke bzw. weiß ich, dass draußen spielen und Playstation zocken sich nicht ausschließen müssen. Und ich halte auch nichts von „früher war alles besser“ – jede Generation ist für irgendjemanden die verlorene Generation. Wenn mir also jemand erzählt, dass die Kinder heutzutage alle von Pornografie beeinflusst sind, dann denke ich erstmal „jaja, mal gucken, was mir die Kinder selbst erzählen“.

Der „Ich bin eine Biene-Schock“ hatte einen langen Vorlauf. Im Projekt „Wo die wilden Bienen wohnen“ arbeiten wir insbesondere in der Schule mit Kindern der Klassenstufen 5/6, und wir bekamen schnell mit, dass viele Bienen witzig fanden. Immer wieder fiel der Satz „Ich bin eine Biene!“, gefolgt von viel Gekicher. Irgendwann nach 8 Monaten dann auch mal gefolgt von „Du wirst gefickt!“

Naja, schräg, dachte ich, erzählte es einer Bekannten, die lachte und verwies auf youtube. Ich klickte, schaute und war geschockt.

Vielleicht ist das ja schon durch, und alle außer mir haben sich schonmal aufgeregt. In dem Video sieht man eine Biene, die eine Blume „bestäubt“, und zwar gegen den Willen der Blume. In der Schlusssequenz sieht man die Blume unter der Dusche, die sich ausgiebig duscht und weint. Sie fragt: „Warum hilft mir denn keiner?“ Das ganze schön kurz und als Zeichentrick, perfekt für 12-jährige, die im Wesentlichen das Wort „gefickt“ hören, und das als Gruppe superlustig finden.

Ich verlinke hier, nur falls sich jemand selbst ein Bild machen möchte.

Das ist eine so plumpe Anspielung auf Opfer sexueller Gewalt, dass ich beim besten Willen keine künstlerische Intention erkennen kann.

Natürlich habe ich das Video gemeldet, aber das ist ja nur die erste Reaktion, und viel passiert da nicht. Bei über 6.000.000 Likes bin ich da vermutlich nicht die erste.
Ich habe auch versucht, mit den Kindern darüber zu reden, aber es ist sehr schwer, nicht als die zensierende Erwachsene, die Spielverderberin wahrgenommen zu werden. Letztendlich gibt man da vielleicht eine kleine Anregung. Aber wieviele ähnliche Videos sind noch in Umlauf?

Ich will auf youtube nicht nur pädagogisch wertvolle, keimfreie Videos. Von mir aus können auch zig Zeichentrickfiguren zum Vergnügen der 12-Jährigen „ficken“ rufen. Aber dieses Video macht mich krank. Vielleicht melden ja noch ein paar Leute. Kann man machen.

Bienen-Nachschlag: Eine Woche in Leipzig

Manchmal erlebt man sowas: Man arbeitet an einem Projekt, das einen eigentlich schon ausfüllt, und trotzdem kriegt man immer noch ein bisschen mehr geschenkt und aufgebrummt. Was einen berührt, beschäftigt, womit man fertig werden muss.
Für das Bienenland war ich eine Woche lang mit geflüchteten Kindern im Leipziger Osten unterwegs: einkaufen, Spielplatz, Straßenverkehr, das normale Alltagsprogramm. Aber was ist normal?

Mit 5 lauten Kindern die auf arabisch rumbrüllen und um die Wette rennen um den Ketchup zu        holen wird man streng abgescannt. Dann stehe ich da: höflich, freundlich, weiß. Irgendwie sogar besonders höflich. Als ob ich was beweisen wollte. Und zu mir sind denn auch alle supernett. Wäre das genauso, wenn ich ein Kopftuch tragen würde? Ich erspare den Kindern und mir den Versuch.

Wir kaufen im Discounter ein Spielzeug. Auch hier: freundliches Personal, die Kinder werden genau beobachtet. Ich kann das sogar nachvollziehen: Einige der Kinder sind seit Generationen bittere    Armut gewohnt, und die drückt sich in einem großen „haben wollen“ aus. Ich bin streng und kaufe trotzdem mehr als beabsichtigt. Und verdammt, wenn sie jetzt ein paar Gummibärchen klauen würden – wäre das nicht absolut verständlich?

Das Spielzeug ist nach 5 min kaputt. Die Kinder erwarten, dass ich richtig sauer werde. Nein, sage ich, wir bringen es zurück und kriegen das Geld wieder! Diese Option kennen gerade die Roma-  Kinder nicht. Ich stelle mir vor, wie eine große serbisch sprechende Gruppe den T€di entert und    alles mögliche umtauschen will. Und muss grinsen.
Und dann zeige ich den Kindern, wie man das macht. Wieder das Gefühl, besonders freundlich behandelt zu werden.

Ich stehe bei Aldi und suche das Apfelmus. Ein Mädchen spricht mich an. Wir kennen uns, aber woher? Aus einem früheren Angebot… Ich lade sie ein, ins Bienenland zu kommen. Nein, sagt sie, sie darf nicht, sie hat keine Papiere.

Das ist kein Wortwitz, sondern bittere Realität. Und der Moment, an dem mir immer noch schlecht wird. Ein Kind, 12 Jahre, ist illegal in Deutschland und nimmt deshalb nicht an unserem Projekt teil.

Ich gebe ihr meine Telefonnummer und hoffe, dass sie anruft. Tut sie nicht.

Ein kleiner Junge aus unserer Gruppe rennt auf die vielbefahrene Eisenbahnstraße. Ich kann ja sehr laut werden. Nun steht da also diese kleine, dreckige Frau in ihren Malerhosen und brüllt die Kinder zusammen. Und alle gucken. Und ich habe das Gefühl, dass viele diese deutschen Frauen ganz schön merkwürdig finden.

Abend vor der Präsentation. Ich bin todmüde, mache noch einige Einkäufe. Ein älterer dunkler Mann spricht mich in gebrochenem Deutsch an. Ich wimmle ihn ab, weiß nicht, was er will, möchte einfach nur meine Ruhe.
An der Kasse treffen wir uns wieder. Und ich habe Gelegenheit, mich zu sammeln: Muss ich nicht gerade nach dieser Woche nochmal nachhaken, mich aufraffen und Vorurteile überwinden?

Er ist total nett. Wir kennen uns vom Sehen aus der Torgauer Straße. Ich habe ihn seit jenem Abend hin und wieder gesehen und jedesmal freundlich gegrüßt. Aber so freundlich wie er kann ich gar nicht sein. Denn er freut sich wie ein Schneekönig. Als ob ihn sonst keiner grüßen würde.

Ängste, Unsicherheiten, latenter Rassismus – kennen wir leider schon, und meiner Meinung nach ist niemand zu 100% frei davon. Wir funktionieren über Kategorien und haben die Verantwortung, nun ja, menschlich mit diesen umzugehen. Und ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich das selbst geschafft habe. Allein dieser Text strotzt vor Annahmen und Vermutungen.

Aber eigentlich bin ich doch nur mit Kindern einkaufen gegangen?

Ein Staat – Erkenntnisse aus dem Bienenland

Eine intensive Woche ist vorbei. Wie immer, wenn mir ein Projekt besonders am Herzen liegt, habe ich mich übernommen und bin krank: Diesen Artikel tippe ich mit Sehnenscheidenentzündung und deshalb mit links.

Trotz Stress und Reibungsverlusten haben wir aber Ergebnisse, die ich fast in einen Umschlag    stecken und nach Berlin schicken möchte. Denn wenn man nur wenige gemeinsame Worte und keine gemeinsame Sprache hat, dann heißt es Farbe bekennen: Ja oder nein? Gut oder nicht gut? Chef oder nicht Chef? Eine soziale Anstrengung, aber auch eine künstlerische Chance.
Einige Momentaufnahmen:

Tag 1

Solveig: Das hier ist ja ein Land…

5 Kinder: Wer  Chef?

Die Chefposition wird uns die ganze Woche lang beschäftigen. Schnell wird klar, dass diese mächtige Position nicht  so mächtig ist, wie die pädagogische Diktatur, die im Hintergrund die Wahl leitet, anregt, dass die Chefs bestimmte Aufgaben erfüllen etc. Könnten wir das anders machen? Uns ist daran gelegen, das Zusammenleben in unserem Staat, unser ganzes Experiment, erträglich zu gestalten. Wir greifen alles auf, was von den Kindern kommt, aber wir geben eben auch Input: Die Chefs (es sind täglich 2, immer frisch gewählt) werden so schnell für Entscheidungen zuständig, die alle betreffen, werden bei Streitigkeiten gerufen und erhalten natürlich auch viel Aufmerksamkeit.

Fast alle wollen Chef werden.

Tag 2: Das System funktioniert. Erster Unmut entsteht allerdings durch die mangelnde Gewaltenteilung: Wenn die Chefs auch Kochen, haben sie zuviel Macht.

Tag 3: Die ersten Petitionen tauchen auf. Lustigerweise oft erstellt von den Chefs. Dabei wird schnell deutlich, dass es nicht für alles, was ein Chef will, auch Mehrheiten gibt. Überhaupt hängt die Macht der Chefs stark von der Gunst der Bienengesellschaft ab.

Kinder, die große Sprachprobleme haben, haben zudem keine echte Chance, zum Chef gewählt zu werden: Verständlich, aber auch frustrierend. Die einzige Position, die ohne Sprache erfüllbar scheint, ist die eines Polizeichefs: Die Rolle wird so interpretiert, einzelne Bereiche durch auf und abgehen zu kontrollieren. Polizei spielen um mit einbezogen zu werden? Die Erwachsenen müssen lachen. Und doch ist das ein interessanter Blick auf diese Position, immerhin von einem Kind, das hierher geflüchtet ist, und mit der Polizei vermutlich einige Erfahrungen hat.

Tag 4: Die Chefs machen nichts. Dinge gehen kaputt. Krisensitzung! Alle fühlen, dass es so nicht weitergehen kann.

Erkenntnis 1: Wir brauchen Chefs, die auf Streit spezialisiert sind!

Die wichtigste Position im Bienenland ist eine Schlichtungsposition. Kein Durchsetzen, kein Bestimmen: Wir brauchen jemanden, der wirkungsvoll schlichten kann. Das geht weit über ein juristisches Entscheiden hinaus, SchlichterInnen kümmern sich um den sozialen Frieden. Ich sehe keine derartige Position auf Bundesebene, die derart Rückhalt hätte, wie unsere Streitchefs. Ein Verbesserungsvorschlag.

Tag 5: Wahl der neuen Chefs. Mit einem ganz klaren neuen Ansatz: Jeder möchte Chef sein und eine Verantwortung übernehmen, die ihm oder ihr auch etwas wert ist. Wir können die Kinder nicht mehr mit symbolischen Positionen abspeisen. Heute bestimmen wir gemeinsam in einem nicht mehr nachvollziehbaren Prozess, mit dem aber alle zufrieden waren: Chefs Streit: deutsch und arabisch-sprachig; Sportchefs: für Ball und Boxsack; Chef Feuer (zusammen mit Solveig); Chefs Kekse und Einkauf von Keksen; Chef Wii; Hausmeister; Küchenchef; Farbenchef

Erkenntnis 2: Alle Bürger fordern lautstark ihre Verantwortung ein. Jede und jeder will ein Amt!

Hier gibt es keine Politikverdrossenheit, aber großen Ärger, wenn jemand bei der Ämterverteilung zu kurz kommt. Lässt sich das auf bestimmte Bevölkerungsschichten in Bundesdeutschland übertragen?

Jedenfalls werde ich nie mehr leichtfertig Verantwortlichkeiten einschränken.

Tag 6: Präsentation. Eine Party, ein Chaos, ein ekstatisches Schwenken der Bienenfahne. Es gäbe noch viel viel mehr zu erzählen. Wir hoffen auf die Anschlussförderung, denn die neue Chefregelung hat sich ja nun erst einen Tag bewähren müssen.

Was vorerst bleibt: Wir haben einen Staat gegründet, in dem heftig gestritten und laut gefeiert wurde. Die Sprachschwierigkeiten waren für alle aufreibend, kulturelle Unterschiede natürlich auch. Es hat aber funktioniert. Mit wenigen Gesetzen, viel Gerangel um Positionen – und schließlich auch mit einem florierenden Postwesen, einer derben Inflation, bevor das Geld wieder abgeschafft wurde und Pässen, die  sich interessierte Bürger einfach selber herstellen konnten.

In diesem Sinne: Wenn ihr einreisen wollt, dann macht euch einen Pass und werdet Bürger.

Das Bienenland ist ganz sicher nicht der schlechteste Ort. Zum Leben und zum Summen.

Wo die wilden Bienen wohnen. Staatengründung mit Kindern

Nächste Woche tauche ich ab. Eine Woche lang werde ich schwer zu erreichen sein, mich nicht im Büro aufhalten, selten meine Mails checken und noch seltener ans Telefon gehen.

Ich werde einen Staat gründen!

Mit meiner Kollegin Katharina Wessel und einer Gruppe von Kindern aus Deutschland, Syrien, Libyen, Serbien, Albanien und, und, und arbeite ich in den Räumlichkeiten von „Hildes Erben“ im Leipziger Osten. Ziel: Wir gründen unseren eigenen Staat.

Und das meinen wir sehr ernst. Ich persönlich wundere mich schon sehr, wie erwachsene Sachsen gegen jede vernünftige Integration Fremder Sturm laufen – worin auch immer die Fremdheit besteht. Weit davon entfernt, Kinder als ideal-friedliche Überwesen wahrzunehmen, beobachte ich doch, dass sie die einzigen sind, die sich im Freistaat nicht drücken können. Vor der, Achtung, jetzt wird’s schwerwiegend, Integration.

Ja, es knallt, wenn 10-20 Kinder mit 4-5 Sprachen, jeder Menge Stereotypen, Traumata und Playstationwünsche um mich herumturnen. Tatsache ist aber, dass diese Kinder keine Wahl haben: Sie müssen sich arrangieren. Und meistens klappt das dann auch.

Deshalb denke ich, dass sie qualifiziert sind, einen Staat zu gründen. Künstlerisch spannend, denn sie bringen extrem unterschiedliche Erfahrungen mit Staaten mit: Von der Flucht übers Mittelmeer bis zum Streit um die Schulempfehlung bei LRS. Auch verschiedene ästhetische Vorstellungen: Der Raum muss limegrün gestrichen sein, aber irgendwie auch gold glitzern. Und verschiedene Geschlechterrollen: Fast alle Jungs wünschen sich eine PS4, bei den Mädchen zündete bisher vor allem die Idee eines Boxsacks. Wir werden sehen.

Ich bin sehr gespannt, was wir nächste Woche herausfinden werden. Werde ich Königin des Staates bleiben? (Es hat sich schon ein Untergrund formiert, die Monarchie erschien mir halt einfach pädagogisch so praktisch…) Werden wir Pässe haben, und wie sehen die aus? Schotten wir uns ab, oder lassen wir Neue rein?

Wer das verfolgen und am 21.2. evtl. eine Führung mitmachen will, der sei herzlich eingeladen. Alle Infos hier und auf facebook. Bis bald!

 

„Wo die wilden Bienen wohnen“ – Projekt im Programm „tanz+theater machen stark“ vom Bundesverband freier Theater. Kooperationspartner: Förderverein der Kinder- und Jugendkulturwerkstatt JOJO, 16. Oberschule Leipzig, Humboldtgymnasium Leipzig, Quartiersmanagement Leipziger Osten