Jump and Run: freiberuflich Mutter werden

Es ist ruhig geworden auf dem Blog. Ich schreibe weniger. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Ich bin schwanger.

Das bedeutet nun mitnichten, dass ich meine Finger nicht mehr bewegen oder keinen klaren Gedanken mehr fassen könnte. Ich plane auch nicht, zum Mutti-Blog überzugehen. Vielmehr ist es so, dass Hirn und Hände damit beschäftigt sind, die Veränderungen in meinem Leben zu organisieren. Denn selbstständig und über die Künstlersozialkasse versichert schwanger zu sein bedeutet in erster Linie eines: Keiner weiß irgendetwas. Und die Verwaltungsgesellschaft schlägt mit Wonne zu.

„Ich bin Freiberuflerin, das heißt, ich bekomme kein regelmäßiges Gehalt vom Arbeitgeber, sondern…“ – diese Worte stammen nicht von mir, sondern von der Hebamme. Niedergelassene ÄrztInnen und Hebammen, alle sind sie selbstständig, aber jenseits der gesundheitlichen Ebene kommen wir nicht ins Gespräch. Schade, denn ÄrztInnen und Hebammen schreiben auch Millionen Ratgeber, in denen sich stets auch einige Seiten zu Elterngeld, gesetzlichen Fristen und Arbeitsrecht finden. Für Angestellte. Ich muss mich dann nochmal irgendwo genauer erkundigen.

Also Google. Viele Informationen, und immer der Hinweis: Lassen Sie sich nochmal persönlich beraten. Eines scheint sinnvoll zu sein: Eine gute Krankentagegeldversicherung, falls es gegen Ende doch beschwerlich wird. Diese Zusatzversicherung wollte ich sowieso schon länger abschließen. Also auf zu meiner Krankenkasse, der BARMER. Die bewirbt ihr Programm für „Künstler und Publizisten“ auf der bundesweiten Homepage – hat es aber in den letzten 2 1/2 Monaten nicht geschafft, das entsprechende Formular für mich zu finden.

Mein Freund ruft bei der Stadt an: Wo können wir uns zum Elterngeld beraten lassen? Ja, da gibt es einen Termin im Dezember im Ratsplenarsaal, da können alle hinkommen, da wird das erklärt. Aus mehreren Veranstaltungen habe ich die Erfahrung mitgenommen, dass ich im Ratsplenarsaal der Stadt Leipzig selten etwas gehört habe, was ich noch nicht wusste. Ich recherchiere also erstmal selbst weiter. Eigentlich habe ich alles richtig gemacht: Schon ein paar Jahre gearbeitet, Berechnungsgrundlage ist das Einkommen des letzten Jahres, und da die Gründung schon eine Weile zurückliegt, ist das finanziell nicht viel, aber okay. Wenn ich dann allerdings wiederkomme, dann verdiene ich erstmal: Nichts. Schon Monate vorher müsste ich schließlich Anträge stellen, Aufträge aquirieren. Alles kein Problem, bis zu 30 Stunden darf ich mit Elterngeld unbezahlt arbeiten. Nur vage kann ich mir vorstellen, was mein Kind dazu sagen wird. Wie also deichseln wir das, dass mein Freund Elternzeit nehmen kann, ohne dass wir finanzielle Probleme kriegen?

Beruflich habe ich viel Kontakt zu Kindern mit schlechter gesundheitlicher Versorgung. Häufig an Orten mit eher mittelmäßigen hygienischen Möglichkeiten. Ich mag diese Arbeit und vor allem diese Kinder sehr, aber plötzlich stehe ich auch hier vor der Frage: Worauf muss ich achten? Was sollte ich nicht mehr machen? Lakonische Antwort meiner Ärztin: „Das muss Ihr Arbeitgeber entscheiden.“ Das bin ich. Ich entscheide also: Mehr Hände waschen, keine Einschränkungen. Und wünsche mir insgeheim, allwissend zu sein, einfach um allen gerecht werden zu können: meinem Kind, meinen besorgten Eltern, den Kindern, die nichts falsch gemacht haben, die nur selbst schlecht versorgt werden, den Kollegen, für die das eben doch abstrakter ist, als für mich.

Schließlich der Endgegner: Die KSK. Was muss ich bezüglich der Künstlersozialkasse beachten? Ich rufe einfach mal an, die KSK ist für ihren Telefonservice schließlich berühmt. Jede meiner Fragen ist dumm. Das Prozedere: Dass ich mein Jahreseinkommen 2016 so schätzen muss, als ob ich gar kein Kind bekommen würde. Und dann die Bescheinigung einreiche: Hoppla, da kommt ein Kind. Dann vorübergehend aus der KSK fliege und bei rechtzeitiger Rückmeldung problemlos wieder aufgenommen werde. (Sonst nicht!) Dieses Prozedere ist das einzig Vorstellbare. In meinem nächsten Leben werde ich Sachbearbeiterin bei der KSK. Denn dann weiß ich einfach mal, wie es läuft. Und alle anderen nicht.

„Wie lange möchten Sie noch arbeiten?“ – auch diese Frage stellt mir eine Hebamme. Ich freue mich darüber, und gleichzeitig klingt es doch nach Luxus. Durch die Schwangerschaft habe ich mir weniger aufgeladen. Ich kann keine Aufträge über die komplette Spielzeit durchführen. Die Wahrheit ist: Ich arbeite schon jetzt weniger, verdiene weniger. Trotzdem werde ich wohl so lange wie möglich Aufträge annehmen. Gerne (dass ich das mal sagen würde, hätte ich auch nicht gedacht) solche, die am Schreibtisch zu erledigen sind.

PS: Eigentlich wollte ich diesen Artikel schreiben, wenn ich all diese Fragen beantwortet habe. Das erscheint mir derzeit aber ein eher theoretischer Zustand zu sein. Wenn ihr mehr wisst oder ich Sachen falsch recherchiert habe: Schreibt mir, wie es geht!!!

PPS: Das ist ein einigermaßen beruflicher Blog. Trotzdem: Auf mein Kind freue ich mich sehr. Und es wird früh lernen, Anträge auszufüllen 😉

3 Gedanken zu „Jump and Run: freiberuflich Mutter werden“

  1. Inzwischen sind einige Tage vergangen, über Facebook habe ich viele nette Tipps bekommen, und vor allem natürlich viele nette Glückwünsche – dankeschön! Hier nun die bürokratische Fortsetzung, bzw. erste Lösungsansätze:
    1. Der BARMER habe ich gekündigt. Sie ist sowieso (in den Worten meines Allgemeinmediziner-Vaters) „geizig“. Erstes spürbares Resultat war ein Anruf am Freitag abend um 18 Uhr, bei dem ein Mann mit salbungsvoller Stimme vortrug, er sei traurig und besorgt über meine Kündigung und wolle mit mir darüber reden, um sicherzustellen, dass ich nicht die falsche Entscheidung für meine Gesundheit treffen würde. Was soll ich sagen, ich kann mit seiner Besorgnis ganz gut leben.
    2. Elterngeld. Auf die vielen Angebote zu persönlichen Tipps werde ich zurückkommen! Vorerst haben wir zufällig eine Geheimwaffe entdeckt: Mein Partner ging zur Elterngeldstelle. Die dortige ältere Dame war völlig geflasht, dass ein Mann sie aufsuchte um Informationen zu erhalten – anscheinend hat sie hauptsächlich mit Frauen zu tun. Nach einer ausführlichen Beratung inklusive Nackenmassage, Kaviar und Sekt (ich übertreibe minimal) sind wir nun schon etwas weiter mit unseren Fragen. Und wissen: Papierkram ist bei jungen Männern, die von nicht ganz jungen Frauen beraten werden gut aufgehoben.
    3. KSK. Interessant, dass es dafür extra Agenturen gibt, die sich darum kümmern, dass KünstlerInnen hier aufgenommen werden – und dass sich das finanziell lohnt! Vgl. http://bmkb.de/ Ich bin bis hierher so klargekommen, plädiere allerdings für einfachere, vor allem sinnvollere Verfahrensweisen und ein besseres Informationsangebot für alle, die mit der KSK zu tun haben.
    4. Wie lange möchte ich noch arbeiten? Nach reiflicher Überlegung fände ich es sinnvoller, wenn für die Berechnung des Elterngeldes die letzten 2 Jahre der Selbstständigkeit herangezogen würden. Ich arbeite sehr gerne, und es geht mir gesundheitlich gut. Trotzdem schaffe ich bereits jetzt weniger, als noch vor 6 Monaten. Es ist schade, dass die „Leistung“ die ich finanziell vor der Schwangerschaft erbracht habe, nur zu einem Teil in die Berechnung einfließt. So lautet die Frage unterm Strich nämlich auch: Wie lange muss ich noch arbeiten?
    Wir werden sehen. Bis bald!

  2. Hallo Solveig!
    Ich hoffe, du gehst noch weiter mit dem Blog. Ich finde deine Beiträge sehr gut geschrieben. Du bist wirklich eine Inspiration für mich und ich hoffe ich kann noch von dir viel lernen.

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