Genug ist genug

Meine Turnschuhe haben Löcher.
Ich sitze auf meinem Krankenhausbett und betrachte sie minutenlang. Draußen scheint die Herbstsonne. Drinnen riecht es nach matschigen Kartoffeln und Desinfektionsmittel. Mein Mund ist trocken von den Tabletten, die ich einnehmen muss. Mein Kontostand beträgt 2,18 €. Ich werde mir so bald keine neuen Turnschuhe kaufen.

Genug ist genug, das denke ich mir in letzter Zeit öfter. Und das bedeutet:

Ich habe genug davon, arm zu sein, denn das bin ich, seit ich Mutter bin. Das Geld, dass ich verdiene, reicht nicht, um mich (nur mich) zu ernähren. Genug habe ich auch davon, was dieser Zustand mit meiner Familie macht – denn nein, wir gehören nicht zu den Menschen, die gut damit umgehen. Die Angst vor dem Mangel schafft Stress und Streit, und beides ertrage ich gerade nicht mehr.

Genug habe ich auch davon, dennoch viel zu arbeiten, keine Freizeit zu haben. Keine Zeit für mich. Tatsächlich habe ich meine Arbeit oft als „me-time“ empfunden – hier bekam ich die Chance, meine Ideen umzusetzen, konnte mich als kompetent und wirksam erleben und dafür auch Anerkennung von den Kollegen ernten. Das war schön. Aber inzwischen habe ich gelernt: Allein aus der Arbeit kann und will ich das nicht ziehen. Das ist dann eben doch nicht genug.

kein sicherheitsnetz

Genug habe ich auch davon, was es bedeutet freibruflich krank zu werden. Seit drei Monaten bin ich inzwischen arbeitsunfähig krank. In dieser Zeit habe ich mehrere tausend Euro an Honoraren verloren (obwohl meine Kolleg_innen und Auftraggeber_innen wahnsinnig fair sind – danke!). Praktisch wöchentlich erreichen mich dafür Nachrichten per Mail oder Telefon – Nachrichten, die ich weiterleiten oder kurz bearbeiten sollte. Mein Krankengeld ist eher symbolisch.

Seit Ende der Elternzeit bin ich in Vorleistung gegangen, habe Projekte entwickelt und Anträge geschrieben. Ich bin nicht schlecht in meinem Job, insgesamt sind grob überschlagen 230.000 € für verschiedene Projekte bewilligt worden. Ein kleiner Teil davon wäre normalerweise in Form von Honoraren an mich ausgezahlt worden. Allerdings habe ich die Phase der Proben und Aufführungen, die vergütet wird, größtenteils krankheitsbedingt verpasst. Sich anzustrengen lohnt sich leider nur, wenn genügend Kraft bleibt, um die Resultate zu genießen. In meinem Fall ist dieser Plan nicht aufgegangen, und ein Sicherheitsnetz ist nicht vorhanden.

Ich habe genug! Auch davon, krank zu sein. Seit vielen Jahren lebe ich mit wiederkehrenden depressiven Episoden. Und die meiste Zeit leben wir ganz gut zusammen, die Depression und ich: Sie gehört zu mir, sie hat mein Leben besser gemacht, sie macht es mir wahnsinnig schwer, sie definiert mich nicht, von Zeit zu Zeit kommt sie vorbei und erinnert mich daran, wie ich leben will.

was existenzängste bedeuten

Wenn mein Leben mich allerdings so erschöpft, dass mein Körper keinen Weg mehr hinaus findet und ich ins Krankenhaus muss, dann gibt es ein Problem. Denn die kulturpolitischen Konflikte, von denen Bündnisse wie Leipzig+Kultur oder auch der Bundesverband der freien Darstellende Künste sprechen, übersetzen sich in persönliche Geschichten: Von Armut, von Existenzängsten, von Kindern, die man lieber doch nicht bekommt, Partnerschaften, die auf der Strecke bleiben, Turnschuhen mit Löchern, die in Krankenhäusern getragen werden, die aufgrund einer riesigen Erschöpfung aufgesucht werden.

Genug ist genug – mir reicht es jetzt. Stellenangebote gerne mit mir teilen. Ich hab was drauf – muss mich nur noch ein bisschen ausruhen…

Grünau wünscht…

Seit zwei Wochen bin ich als Amtsleiterin des Amtes für Wunscherfüllung und Vielleicht-Management im Auftrag des Haus Steinstraße e.V. in Leipzig-Grünau unterwegs und befrage die Menschen zu ihren Wünschen. Vieles gäbe es zum Konzept zu erzählen, doch vorerst zähle ich einfach Mal auf, was ich gehört habe – Menschen in Grünau wünschen sich:

Dass es in Grünau mehr als eine Bibliothek gibt. Eine kleine Schwester. Abkühlung. Dass die Sparkassenfiliale wieder eröffnet. Dass die Baumstämme aus dem Robert-Koch-Park abtransportiert werden. Wieder Kontakt zu den (erwachsenen) Kindern zu haben. Ein schönes Café, in dem man auch Mal essen gehen kann und wo nicht nur das Gesindel hingeht. Einen Ferienpass. Urlaub. Dass die Krankenkasse die Podologie bezahlt, wenn der Arzt sie verordnet. Bessere Barierrefreiheit im öffentlichen Nahverkehr. Saubere Spielplätze ohne Kippen und Scherben. Mehr Hilfen für Alleinerziehende, auch wenn die Kinder schon etwas größer sind. Beratung in Liebesdingen mit dem Ziel der Eheschließung. Dass man als Mensch mit Behinderung ernst genommen und respektiert wird. Dass der Rest von Leipzig nicht auf Grünau herabschaut. Mehr Polizeipräsenz. Dass man erfährt, was ein Amt in Bezug auf den eigenen Wunsch tut, wenn man dort anruft und sein Problem schildert. Eine Muschel mit einer Perle darin zu finden. Dass die Lieferfahrzeuge zum netto-Supermarkt die eigens gebaute Zufahrt nutzen anstatt durch die Dahlienstraße zu fahren. Ein Sternburg. Mehr Parkbänke. Dass die ostdeutsche Sprache nicht ausstirbt. Dass die Mittags-und die Nachtruhe eingehalten werden. Gesundheit. Einen Laden, in dem die Kunden veranlassen können, dass jemand etwas für sie im Internet bestellt. Dass weniger Bäume gefällt werden. Eine Ballonfahrt. Dass Dyskalkulie der Lese-Rechtschreibschwäche gleichgestellt wird. Eine_n deutsch-kurdisch-Übersetzer_in. Dass das Kindergeld erhöht wird. Dass es eine Nacht lang einen rechtsfreien Raum gibt, so dass man Ausländer erschießen kann. Längere Öffnungszeiten im Stadtteilladen. Dass die schadhafte Stelle an der Treppe ausgebessert wird. Hilfe bei der Wohnungssuche. Weltfrieden. Ein Kind.

Was mir fehlt: politische Wünsche die wieder nicht erfüllt werden und warum mir das Angst macht.

In der Mittagspause höre ich fast täglich Radio. Seit September habe ich deshalb das Vergnügen, der vor sich hin röchelnden Regierungsbildung kleinteilig beizuwohnen. Darüber ist fast alles gesagt – auch zur SPD. Zig verschiedene Positionen sind nicht nur denkbar, sondern auch legitim, zum Personal, zur GroKo, zum Koalitionsvertrag und zum Mitgliederentscheid. Eines aber kann ich nicht mehr hören: „Wir müssen jetzt schnell eine stabile Regierung hinbekommen, sonst… (blabla)…AfD.“

Mein Eindruck: Die einen hoffen, dass die AfD sich innerhalb der nächsten 3,5 Jahre selbst erledigt, und man sie so lange nur irgendwie eindämmen muss. Die anderen erzählen sich und jedem, der es hören möchte, dass man mit ein wenig gesunder Realpolitik/mehr Geld im Portemonnaie der Bürger auch AfD-Wähler „zurückgewinnen“ könne. (Zu dieser „Rückgewinnungsthese“ habe ich ja schonmal sehr pessimistisch geschrieben.) Diesbezüglich hat die SPD in den Koalitionsverhandlungen ja hier und da auch gute Sachen rausgeholt. Aber, liebe SPD, liebe andere Parteien, ich verzichte gern auf 25€ mehr Kindergeld, wenn ihr euch endlich mal mit dem großen Ganzen beschäftigt: Einem Entwurf, wie diese Gesellschaft ihre Spaltungen überwinden kann!

Gesellschaftliche Spaltung überwinden

Spaltungen, die sehe ich massiv zwischen denen, die in einem Deutschland mit 16 Bundesländern und als Teil von Europa angekommen sind, und denen, die schon das nicht annehmen können. Zwischen denen, die die Vorzüge von Geld und Bildung genießen, und denen, die nicht nur wenig davon haben, sondern sich auch noch dank des Narrativs der „Asis“, „Hartzer“ und „Schmarotzer“ dafür schämen sollen. Und natürlich zwischen denen, die unsere diverse Gesellschaft als solche akzeptieren, und denen, die dies ablehnen.

Die große Frage lautet doch: Wie können wir in einer Gesellschaft leben, ohne uns gegenseitig zu diskriminieren?

Das hat mit Geld zu tun, aber eben nicht nur mit Geld. Man müsste z.B. mal anerkennen, dass unsere Gesellschaft überhaupt divers ist. Damit haben CDU/CSU bekanntlich schon gewaltige Probleme. Dass nun ausgerechnet die Partei, die AfD-Positionen eifrig kopiert, auch noch mit dem Innen- und Heimatministerium (frei formuliert) belohnt werden soll, ist eine Ungeheuerlichkeit, die in meinen Augen nicht zu rechtfertigen ist.

Sachsen: AfD ist Mainstream

Nächstes Jahr wird in Sachsen gewählt. Die AfD wird voraussichtlich die stärkste Kraft werden. In Berlin mag sich das anders anfühlen, aber hier stimmen 56% der Bürger der Aussage zu, unsere Gesellschaft sei durch Ausländer überfremdet. Der MDR sendet unkommentiert rassistische und fremdenfeindliche Äußerungen. Die Landesregierung schiebt in vorauseilenden Gehorsam munter ab. Freunde und Kollegen aus anderen Regionen, die zufällig nicht weiß sind fragen zögernd „wie schlimm ist es denn… Kann ich dich besuchen, oder ist das gefährlich?“

Wir brauchen ganz ganz dringend eine Partei, die ein Konzept gegen diese Spaltung hat. Und zwar nicht als tolles Alleinstellungsmerkmal, sondern weil sie wirklich dafür einstehen will. Ich sehe sie nicht. Das macht mir richtig Angst. Keine Pointe.

Offener Brief an den Kulturausschuss des Bundestags

Sehr geehrte Damen und Herren des Kulturausschusses,

seit gestern geistert Ihr offener Brief durch meine Timeline – viele meiner Kolleg_innen haben ihn bereits mitgezeichnet. Als freie Kulturschaffende, die viel mit Gefllüchteten arbeitet und sich immer wieder mit der Frage nach einer demokratischen Kultur auseinandersetzt, bin auch ich eigentlich dafür prädestiniert, ihn zu unterschreiben.
Ich werde es nicht tun.

Tatsächlich haben Sie in meinem Fall das glatte Gegenteil erreicht. Ich sage: Gebt der AfD unbedingt den Kulturausschuss!

Das möchte ich erklären.
Sie schreiben „Es darf nicht passieren, dass beim Kampf um Einflusssphären die AfD an einer der sensibelsten, wichtigsten Stellen unseres parlamentarischen Systems ihr nationalistisches Gift in die Debatten injiziert: Der deutschen Kulturpolitik.“ – Ich gebe Ihnen völlig recht – mir wird übel, wenn ich mir das vorstelle. Ich will nicht, dass diese Partei Einfluss auf unsere Medien und unsere Kulturlandschaft hat.
Es ist aber bereits passiert – die AfD wurde gewählt.

Weiterhin listen Sie Ihre Arbeit auf, und in wirklich jedem Punkt bin ich mindestens genauso unglücklich, unzufrieden, besorgt und beschämt wie Sie, wenn ich mir Ihre Zusammenarbeit unter einem etwaigen Vorsitz der AfD vorstelle. Ein_e Abgeordnete_r dieser Partei als Ansprechpartner_in für Holocaustgedenkstätten oder Partner aus dem Ausland? Unvorstellbar.
Es ist aber möglich – die AfD wurde gewählt.

Sollen wir jetzt die üblichen Spielregeln außer Kraft setzen, „damit dieser Kelch am Kulturaussschuss vorübergehe“?
Denn mehr ist in einer Demokratie nicht zu erreichen. Die AfD wird in Ausschüssen sitzen, und sie wird auch irgendwo den Vorsitz haben. Ich möchte mir das auch in anderen Ressorts nicht vorstellen: Familienpolitik unter dem Einfluss der AfD? Katastrophal für Frauen und LGBTQ. Entwicklungshilfe? Muss ich nicht ausführen. Einfach gleich der Innenausschuss? Für Geflüchtete grauenvolle Aussichten.
Der AfD einfach gar keine Funktionen übertragen?
Dann hätte sie nicht zur Wahl zugelassen werden dürfen.
Und ich kann es nicht oft genug wiederholen: Sie wurde nunmal gewählt.

Warum also sollte die AfD gerade dem Kulturausschuss vorsitzen?
Weil hier die Künstler_innen vertreten werden – und die werden wachsam bleiben, aufbegehren, Wege finden. Wenn man Ihnen den Mund verbietet, drücken sie sich mit den Füßen aus. Und wenn die AfD über Kulturpolitik spricht, dann lachen wir doch laut. Fakt ist, dass diese Partei hier kein Konzept und schlicht keine Ahnung hat und uns nicht gewachsen ist. Sie wird in diesem Ausschuss in erster Linie für Peinlichkeiten sorgen. Also wären wir jetzt gut beraten, selbstbewusst zu sein. Aus dem Elfenbeinturm herauszutreten, uns einmal kurz zu schütteln und dann ganz klar anzufangen, diese Partei zu zerlegen, bis nichts mehr von ihr übrig ist. Genau das ist doch unsere Stärke, also los!

Dafür wünsche ich mir Ihre Unterstützung – als gewählte Vertreter_innen meiner Berufsgruppe. Hauen Sie für uns kraftvoll auf den Tisch! Und kraftvoll heißt eben auch: Mit einem Bekenntnis, keine Sonderregeln zu brauchen.

Hochachtungsvoll
Solveig Hoffmann