Links vom Januar

Hallo 2017!

So langsam beginne ich, meine Fühler wieder in Richtung Arbeit auszustrecken.

Und ich sammle Ideen. In der Elternzeit habe ich angefangen, eine ganze Menge Blogs zu entdecken. Und mich zugleich zu fragen, was ich mit diesem Blog noch so alles anfangen könnte. Vermutlich wird es sich schrittweise erweitern – und ich werde über alles schreiben, was die gute    Solveig van der Hoffmann interessiert. Dazu gehören auch Dinge, die ich woanders entdeckt habe, und vielleicht schaffe ich es ja, monatlich ein paar Links zusammenzufassen? Hier sind die vom Januar:

Vor einiger Zeit ging dieser offene Brief des Conne Islands durch die Presse. In vielerlei Hinsicht    kritikwürdig, aber allein damit wird man dem Thema nicht gerecht. Klar ist: Aufgrund äußerlicher Merkmale auf das Verhalten von Partygästen zu schließen, bedeutet einfach, auf der Grundlage von Vorurteilen und gegebenenfalls rassistisch zu handeln. Klar ist auch: Wer sexistisch übergriffig handelt, sollte eine deutliche Konsequenz spüren, aus einem Club definitiv rausfliegen. Da sind mir äußerliche Merkmale dann herzlich egal. Und dann bleibt da aber die Frage: Was unterscheidet denn einen weißen übergriffigen jungen Mann, aufgewachsen in Leipzig-Wahren, von einem gleichaltrigen Geflüchteten? Möglicherweise die Erfahrung, überhaupt über Sex zu sprechen, Antworten auf Fragen und ein Feedback zu eigenen Strategien zu erhalten. Möglicherweise auch einfach das Wissen aus dem hiesigen Lehrplan, das zwar auch an vielen Schülern nur vorbeirattert, während sie über die Banane und das Kondom kichern, aber immerhin. Diesen Artikel dazu fand ich sehr ehrlich: Worüber ich rede, wenn ich über Sex rede. Vielleicht wären ja regelmäßige sexualpädagogische Workshops im Conne Island ein echter Gewinn für Club und Stadt?

(Übrigens habe ich den Link nach dem Lesen nicht sofort gespeichert und musste lange googlen, bis ich ich wieder fündig wurde. Die erfolgsgekrönte  Suchanfrage lautete: „die am lautesten ficki-ficki schreien, bringen später blumen“. Die einzige Suchanfrage ohne „besorgte Bürger“. Das nur am Rande.)

Und nochmal Migranten: Diese gründen häufig Unternehmen, werden aber vielfach schlecht unterstützt. #kopftisch

Leipziger Kulturpolitik: Am 1. Februar wird ein Antrag in den Stadtrat eingebracht, bei dem es darum geht, einen bestimmten prozentualen Anteil des Kulturetats der freien Szene für die Projektförderung zu reservieren – in Abgrenzung zur institutionellen Förderung. Gut gemeint, allerdings ist die Unterscheidung von Projekt- und institutioneller Förderung aktuell dermaßen undurchsichtig, die Statistik dermaßen verfälscht und so wenig aussagekräftig, dass der Antrag in der jetzigen Form keinen Sinn macht. So werden z.B. Institutionen gefördert, die einen Großteil der Förderung an Projekte weitergegeben werden; und das eine oder andere „Projekt“ erhält Jahr um Jahr dieselbe Förderung, die letztendlich die Institution unterstützen dürfte. Wer sich den Antrag anschauen möchte, der kann das hier tun.

Das neue Jahr beginnt, wie es geendet hat – z.B. mit einer mal wieder unsäglichen Rede von Björn Höcke, der vielen nun einmal mehr die Timelines und den Glauben an die wirkliche Welt versaut. Wie mit seinen Äußerungen und den sich anschließenden Diskussionen mit Kolleg*innen, Familie etc. umgehen? Eine Argumentationshilfe bietet dieses Projekt, das ich nicht nur empfehle, weil mein Bruder dahintersteckt, sondern auch, weil es wirklich praktisch gedacht ist. Von Historiker*innen zusammengestellte Fakten auf wenigen Zeilen. Bäm, Kommentarspalten!

Und zum Abschluss noch was Feines: Schöne Desktophintergründe!

 

 

2016

…ist fast geschafft.

Für mich hielt es eine wichtige Lektion bereit: Du kannst viel planen – aber dein Leben kann alle Pläne wieder einkassieren. Wenn die Gesundheit nicht mitspielt, dann machst du keine Kulturpolitik, kommst nicht mehr ins Bienenland und meldest dich nicht mehr bei deinen Kolleg*innen. Und wenn es dann besser geht, dann sortierst du, was wie wichtig ist, und fängst von vorne an.

Und noch etwas habe ich gelernt, und zwar von meinem wunderbaren kleinen Sohn: Du kannst ganz viel wollen und schreien und kämpfen und dir den Kopf stoßen, um es zu erreichen – und doch innen drin ganz weich bleiben. Und das ist wunderschön.

Also hoffe ich, dass dieses stürmische Jahr nun ruhig zuende geht, dass Paul MacCartney den morgigen Tag überlebt, und dass auf uns alle ein friedlicheres 2017 wartet. Und schließe mit einem Lied, dass mich an den Sommer erinnert, und an ein paar sehr euphorische Momente. Macht’s gut!

gut sein/gut sein lassen

Ich persönlich interessiere mich nicht so für Terrorismus.

Klar, es könnte passieren, dass ich einem Anschlag zum Opfer falle. Oder dass ich von einem Auto erwischt werde. Dass mir der Himmel auf den Kopf fällt. Dann ist es passiert. Jeden Tag angstvoll den Himmel anstarren werde ich deshalb nicht.

Eine gute Woche liegt der Anschlag vor Berlin nun zurück, inzwischen wurde Weihnachten gefeiert, ich habe gut gegessen, wurde viel zu reich beschenkt und bin einigermaßen über die Ermittlungen und zahlreiche neue (?), gute (??), sehr wichtige (???) Ideen der großen Parteien informiert. Aber das Thema Terrorismus interessiert mich immernoch nicht. Und ich habe auch keine Lust, mich über einen Nachrichtenstrudel dort hineinzusteigern.

Was mich interessiert, das ist Gewalt, in all ihren Ausprägungen – persönlich, gesellschaftlich, zwischen verschiedenen Gruppen, gegenüber einzelnen Menschen. Was mich vor allem interessiert, ist Empathielosigkeit. Das Fehlen der Fähigkeit, mitzufühlen, einen anderen Standpunkt zu erkunden und anzuerkennen, des Wunsches, mit dem Gegenüber fair und anständig umzugehen. Denn in erster Linie ist doch nur eins klar: Dass mir die Opfer und die Angehörigen der Opfer aller terroristischen Anschläge, aber auch anderer Gewalttaten (ob nun kriegerisch oder strukturell oder sonstwie) einfach leid tun. Dass ich das keinem wünsche. Und dass ich ihnen jede Hilfe gönne.

Und so einfach darf es scheinbar nicht sein. Jede neue Nachricht in Verbindung mit dem Berliner Anschlag ist verbunden mit dem Krieg der Timelines. Jede*r findet Fakten, die das eigene Weltbild bestätigen. An den Anschlag in XY denkt wieder niemand – Warum war der Täter noch nicht abgeschoben? – Aber radikalisiert hat er sich doch in Italien – und und und. Manche Meinungen stehen mir näher, manche finde ich persönlich ganz schrecklich. In der Gesamtheit erinnert mich das alles an erbitterte Streitereinen unter Pubertierenden, die letztendlich doch nur ihre eigene Persönlichkeit verteidigen. Leider um den Preis eines politischen Dialogs, der mittlerweile, mit Verlaub, unter aller Sau abläuft.

Ich weiß nicht, ob ich das kann, aber ich möchte gerne: an das Gute im Menschen glauben. Glauben, dass auch jemand mit völlig entgegengesetzten Positionen es grundsätzlich gut mit den Menschen meint. Oder wenigstens mal gemeint hat. (Ich weiß, das ist hart.) Dass ein großes Stück mehr Offenheit und Dialog uns aus dieser quälenden Rechthaberei befreien könnte, die unsere Gesellschaft befallen hat und seither vom Stammtisch übers Fernsehen und Internet in alle Bereiche des Lebens zu wuchern scheint.

Es ist sehr gefährlich, sich selbst für einen guten Menschen zu halten. Es trübt den Blick für die eigenen Schwächen.Vielleicht sollten wir es damit einfach mal gut sein lassen.

Ich vermisse. Nicht.

Neulich hörte ich mich sagen:

„Ehrlich gesagt vermisse ich meine Arbeit null.“

Und dann war ich einen Moment ganz still, weil mich dieser Satz selbst so überraschte.

Ich gehöre definitiv zu den Selbstverwirklicherinnen, die in ihrer Arbeit immer Sinn, persönliche Entwicklung und Bestätigung gesucht haben. Anders kann ich die Arbeit als Freiberuflerin auch nicht vor mir rechtfertigen, verstößt sie doch gegen eine ganze Menge soziale Standards, die ich eigentlich eingehalten wissen möchte. Und tatsächlich gehören zu meiner Arbeit einige Projekte, die mir all das gegeben haben.

Und natürlich weiß ich noch nicht, wie sich die Elternzeit in drei Monaten anfühlen wird. Und denke auch manchmal mit Schrecken daran, wie ich mein Arbeitsleben ab 2017 organisieren soll, wie schwierig das Zeitmanagement wird, und was ich alles so bald nicht wieder werde machen können.

Vor Jahren las ich Bascha Mikas Buch „Die Feigheit der Frauen“, las vom Vorschieben des Privatlebens, vom HIntenanstellen der Karierre vieler Frauen, und es erschien mir sehr einleuchtend. Mir würde das nicht passieren, ich würde meine beruflichen Interessen nicht hinter meinen privaten einordnen!

Schon lange weiß ich, dass ich so nicht bin, und mein Kind bestätigt mich darin einmal mehr. Und mehr noch: Ich finde, dass Bascha Mika einen wichtigen Punkt verdreht, oder besser: Einen verdrehten Punkt nicht zurückdreht (Kann man einen Punkt überhaupt verdrehen? Egal, Punkt vor Strich, mit einem Flachwitz aus der Affäre gezogen.)

Möglicherweise liegt der Fehler vieler Frauen nicht darin, ihr berufliches Streben dem Privatleben unterzuordnen, sondern vielmehr darin, nicht wütend zu thematisieren, dass das Privatleben offenbar untergeordnet werden soll, wenn sie Erfolg haben wollen. Und wieso zum Teufel sollte sich irgendjemand zwischen Beruflichem und Privatem entscheiden WOLLEN? Männer wie Frauen wollen wohl beides?

Und ich genieße jetzt eben mal mein Privatleben:
Ich habe seit Monaten nicht mehr gedoodlet.
Die Rede von Carolin Emcke habe ich nicht hastig in einzelnen Zitaten überflogen, sondern ganz gehört.
Und ich bin jeden Tag im Hellen draußen.

Und dann habe ich auch noch ein Kind, und das ist sehr unterhaltsam.

So. Es ist 20:19 Uhr. Wer heute „noch was machen muss“, darf mich jetzt eine Runde beneiden.

Hausfrau und Mutter. WTF.

Telefonat mit meinem Vater.
„Und du bist jetzt also Hausfrau und Mutter…“
Ich stammele etwas von wegen Elternzeit und eher wenig putzen und versuchen, viel auszuruhen, weil ein Baby ganz schön anstrengend ist.
Mannomann.

Aber es stimmt natürlich: In den letzten Monaten habe ich hier nichts veröffentlicht, weil sich mein Lebensmittelpunkt weit verlagert hat. Ich arbeite hart. Aber nicht in meinem Beruf.

Ein Aspekt der Elternzeit, über den eher selten gesprochen wird, ist allerdings beruflich und persönlich sehr schön: Ich gewinne Abstand zu meinem früheren Alltag. Meine Arbeit scheint mir eine Zwiebel zu sein, und zwar eine, die schon ein Weilchen in einer dunklen Ecke der Küche rumliegt (Elternzeit, keine Haushaltszeit…). Mit jedem Tag blättern gefühlt einige vertrocknete Schichten ab: Was bin ich gerannt, was habe ich alles gemacht, für die paar Kröten… und was davon war mir wirklich so wichtig? Erschien mir sinnvoll? Hat mir Spaß gemacht? Und was könnte ich noch alles machen, wozu ich nie gekommen bin?

Wie möchte ich irgendwann mal gelebt und gearbeitet haben?

Denn wie das Känguru so schön bemerkte: Ich habe noch nie von einem Menschen gehört, der auf dem Sterbebett gesagt hätte „Ich wünschte, ich hätte mehr gearbeitet“.

Ich denke also nach. Anstatt Hausfrau zu sein. Mal sehen, wo das hinführt.

Kleine Theaterbeschimpfung

Die Kulturfritzen – Projektbüro für kulturelle Angelegenheiten im sozialen Netz – haben unter #theaterimnetz zur Blogparade aufgerufen, und kurz vor Schluss habe ich es auch mitbekommen; schon allein das zeigt, wie schlecht vernetzt die Theaterszene vor allem auf Twitter ist. Nun denn, die Diskussion, die ich hier nachlesen konnte, hat mich gleich beschäftigt, hier also mein Beitrag inklusive kleiner Theaterbeschimpfung.

Ich bin weiß, Akademikerin und lebe in der Stadt. Von klein auf sind meine Eltern mit mir ins Theater gegangen, haben Konzerte mit mir besucht und mich zu Kunstkursen angemeldet. Letztendlich bin ich selbst in einem Theaterberuf gelandet. Und noch nicht einmal ich interessiere mich für das, was ich in der Regel auf den offiziellen Theateraccounts lesen kann.

Was mich weitaus mehr interessiert, sind die Theatermenschen, mit denen ich über soziale Netzwerke in Kontakt treten und bleiben kann. Hier höre ich Geschichten, hier werden Erfahrungen geteilt und Meinungen gepostet. Hier findet auch Interaktion statt. Ein Beispiel: Shermin Langhoff äußert sich auf Facebook oftmals politisch und macht deutlich, dass das, was sie da postet, ihr auch wirklich wichtig ist. Viel spannender, als eine Spielplaninformation oder ein Foto von niedlichen Kindern im Weihnachtsmärchen, die nicht ahnen, dass sie gerade ein Marketingkonzept darstellen.

Soviel zu meinem persönlichen Zugang zum Thema. Ich bin aber nicht unbedingt repräsentativ für eine Masse. Klar, im Internet findet jede_r eine Nische, aber kann es eigentlich das Ziel kultureller Arbeit sein, eine Nische für weiße Akademiker_innen zu bilden? Oder anders gefragt: Zeigt sich online nicht einfach nur ein weiteres Mal, wer auch offline NICHT kommt?

Es reicht nicht, eine Dramaturgin, die noch zahlreiche andere Aufgaben hat, dazu zu verdonnern, dreimal pro Woche etwas zu posten. Gerade die Kulturinstitutionen und Theaterschaffenden müssen sich auch dazu befragen, mit wem sie überhaupt reden wollen. Offline, online, vor allem aber direkt und aufrichtig interessiert. Und wenn man sich dafür entscheidet, in einer elitären Nische zu bleiben, dann erreicht man vermutlich eben einfach keine hohen Followerzahlen. Auch das kann eine Entscheidung sein.

Es geht nicht um den Kontakt von Theater und digitaler Welt. Sondern ganz schlicht um: Theater und Welt.

Und deshalb greift auch die Frage nach neuen Konzepten für Digitales in den Inszenierungen/im Theaterraum m.E. zu kurz. Klar, da kann man noch viel machen. Ich arbeite selbst „teilberuflich“ als Autorin für transmediales Erzählen, insofern bin ich mir sicher, dass hier noch viel möglich ist und dass man alles ausprobieren sollte.

Das wird dann interessant – zumindest für mich. Aber es wird nicht reichen. Was ich mir wirklich wünsche, das ist ein viel weiterer Theaterbegriff, als ich ihn in vielen Debatten wahrnehmen kann. Ich wünsche mir neue Formen, veränderte Formen, uralte Formen, die in erster Linie darauf zielen, auf irgendeine Weise zu kommunizieren – und nicht nur mit denen, die ich schon kenne. Es geht nicht nur darum, zu lernen, online zu kommunizieren, auch offline müssen wir uns da immer wieder überdenken! Klar, ich persönlich schaue mir auch mal gerne eine Drameninszenierung an. Meine gesellschaftlichen Sehnsüchte und meine Neugierde befriedigt diese aber nur selten. Und ich bin mir sicher: Das hergebrachte Bühnengeschehen, wie ich es seit Schulzeiten kennengelernt habe, ist nur ein kleiner Teil der Theatergeschichte, der Theaterwelt. Und sehr viele Menschen interessieren sich – folgerichtig – überhaupt nicht dafür.

Deshalb folgt hier wie angekündigt die kleine Theaterbeschimpfung:

Theater, kriegt eure Aersche hoch und kommuniziert mit den Menschen, denen ihr am Arsch vorbei geht! Offline, online und überall dazwischen.

 

PS: In diesem Text habe ich nur vage angedeutet, was ich selbst beruflich mache. Vermutlich würden viele Kolleg_innen fragen: Ist das ein Theaterberuf? Ist das hier überhaupt ein Theaterblog? Manchmal nenne ich Dinge, die ich tue, einfach „Begegnungsdesign“. Ist das für euch Theater? Wie seht ihr das? Ich freue mich über Diskussionen.

Endlich: NETZWERKTREFFEN KUNST, KULTUR UND INTEGRATION

Es gibt in Leipzig (inzwischen) viele viele Künstler_innen und Kulturpädagog_innen, die sich mit Geflüchteten beschäftigen oder dies angesichts der aktuellen Debatte planen. Ideen und Anträge purzeln sozusagen um die Wette, und oft erfährt man erst viel zu spät von den Erfahrungen und Möglichkeiten des anderen. Gefühlt treffe ich seit ca. einem Jahr fast wöchentlich einen engagierten Menschen, der mir erzählt, jetzt mal eine Plattform zu schaffen/ein Treffen zu organisieren, bei dem „das alles vernetzt wird“. Am besten auch noch mit all den anderen ehrenamtlichen Projekten, sozialen Hilfen und kirchlichen Angeboten. Eine durchschlagende Wirkung hat von diesen Menschen in meiner Wahrnehmung noch niemand erzielt, wobei ich ihr Engagement sehr respektiere: Der Bedarf ist da, und es ist keine leichte Aufgabe, eine unüberschaubare Zahl nicht oder sehr verschieden organisierter Menschen an einen Tisch zu bringen.

Nun hat das LOFFT zum NETZWERKTREFFEN KUNST, KULTUR UND INTEGRATION eingeladen – nach langer Überlegung, was man im eigenen Theater angesichts der Debatte um Geflüchtete wirklich tun könne. Dass so lange überlegt wurde und nicht Hals über Kopf ein gut gemeintes Projekt angezettelt wurde, ist mir sympathisch. Denn wie gesagt: Ein solches Netzwerktreffen war überfällig. Und Ehrenamtler_innen/einzelne Akteure haben nunmal nicht die Ressourcen so breit einzuladen, wie eine Institution. Insofern wurde auf einen reellen Bedarf eingegangen.

Das wurde auch insofern schnell sichtbar, als es wirklich voll war – ca. 70 Personen – und dass auch nach Ende der Veranstaltung noch lange geredet wurde. Zum Glück beschränkte sich das Arbeiten nicht auf eine 2-stündige Vorstellungsrunde; stattdessen wurde klar strukturiert zu bestimmten Themen diskutiert. Und so entstand, was bei einer ersten Veranstaltung dieser Art entstehen muss: Ein weiter Überblick über ganz verschiedene Themen und Fragen, etwa zu den Zielen und Motivationen der Kulturschaffenden sich mit Geflüchteten zu beschäftigen, oder auch zu den ganz realen Problemen, die dabei auftauchen. Vieles ging mir persönlich nicht tief genug, aber das liegt wohl in der Natur eines ersten Treffens. Schade auch, dass mir kaum Vertreter_innen der großen städtischen Kultureinrichtungen über den Weg liefen – schließlich hätten gerade diese die Ressourcen, größere Projekte anzugehen. Und überhaupt: Warum musste dieses überfällige Netzwerktreffen mit dem LOFFT überhaupt von einem Vertreter der freien Szene gestemmt werden? Wäre das nicht eine wunderbare Aufgabe für das Kulturamt gewesen, das doch ein Interesse daran haben muss, all die Inititativen zu vernetzen und selbst einen Überblick zu erhalten? Zumal ein Förderschwerpunkt für das Jahr 2016 doch Inklusion und Migration heißt…

Am Ende des Abends stand eine große Aufzählung von Themen, Problemen, Fragen und Ideen. Die meisten betrafen all die vielen Probleme, die in der Arbeit mit Geflüchteten immer wieder auftauchen und um die man nicht herumkommt; letztlich existentielle Fragen um Politik, aber auch Lebenssicherung, Umgang mit Sprachproblemen, mit Traumata. Praktische Probleme, die riesengroß sind.

Was nun meines Erachtens ganz dringend diskutiert werden muss: Was ist unsere Rolle als Kulturschaffende in diesem Wust aus Fragen und Problemen? Sollten wir jetzt die besseren Sozialarbeiter_innen werden und nur ab und an ein paar Malstifte rauslegen? Oder rigoros die Loop-Station rausholen, auch wenn keiner mitmachen will und die Interessen der Geflüchteten möglicherweise ganz woanders liegen? Was kann Kunst zu der Situation wie sie jetzt ist beitragen?

Und wie können wir den Geflüchteten selbst besser zuhören, sie einbeziehen, mit ihnen zusammenarbeiten?

Eine Antwort darauf ist mir übrigens 2 Tage später über den Weg gelaufen. Lama Souissey hat schon oft für mich übersetzt: Im Bienenland, in der GfZK, im privaten Kontakt. Sie übersetzt für wahnsinnig viele Menschen in Leipzig, aber – sie studiert auch Illustration an der HGB. In ihrem Buch „Abud. Der Friseur (ohne Ausbildung)“ hat sie einen sehr einfachen und wunderschönen Weg gefunden, aus all dem, was sie in der Torgauer Straße gehört hat, Kunst zu machen. Sie hat einfach erzählt, was ihr erzählt wurde und was sie gesehen hat. Auf ihre eigene, persönliche Weise.

Vielleicht sollten wir damit erstmal anfangen?

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Ehrenamtliche Helfer_innen gesucht!

***kulturpädagogische Arbeit mit geflüchteten Kindern***
Das Angebot
Jeden Dienstag treffen sich in den Atelierräumen der Initiative „Hildes Enkel“ Kinder, die entweder im Asylbewerberheim Torgauer Straße wohnen oder ehemals dort gewohnt haben. Gemeinsam gestalten wir unsere Zeit nach den Ideen der Kinder: basteln, malen, spielen, verkleiden uns oder bauen etwas. Die Erwachsenen sind in diesem Prozess unterstützende Möglichmacher_innen, gehen auf die Ideen der Kinder ein. Probleme in der Gruppe werden möglichst gemeinsam gelöst, dabei können im gemeinsamen Prozess auch unkonventionelle Lösungen gefunden werden. Für diesen Raum gibt es einen Namen: Das Bienenland.
Die Arbeit
Das Angebot umfasst nach Absprache die Abholung der Kinder in der Torgauer Straße, die gemeinsame Gestaltung des Nachmittags und das Zurückbringen der Kinder. Wichtig sind eine grundsätzliche Offenheit im Umgang mit
Menschen und neuen Situationen und Geduld und Kreativität bei Übersetzungsprozessen.
Organisatorisches
Das Angebot findet immer dienstags nachmittags statt:
14:30 Uhr Abholung Torgauer Straße
15-17 Uhr Angebot im Atelier „Hildes Enkel“, Hildegardstraße 49
Danach Zurückbringen der Kinder.
Einmal im Monat gibt es zudem ein Treffen aller ehrenamtlichen Helfer_innen, um aktuelle Entwicklungen, Erfahrungen und Probleme zu besprechen.
Wer/Was steht dahinter?
Das Bienenland ist aus dem Projekt „Wo die wilden Bienen wohnen“ hervorgegangen, dass 1,5 Jahre von mehreren Trägern unter Leitung/nach einer Idee der Künstlergruppe „Performance-Firma Wessel&Hoffmann“ aufgebaut wurde. Mit dem Ende der Förderung soll nun für die bestehende Kindergruppe, aber auch für neu in der Torgauer Straße ankommende Kinder eine neue Struktur aufgebaut werden, die den regelmäßigen Termin und die gemeinsam
entwickelte Arbeitsweise weiter trägt. Das Bienenland wird betreut von den Theater-/Kulturpädagoginnen Katharina Wessel, Solveig Hoffmann und Bettina Salzhuber.
Interesse?
Wir freuen uns sehr über Menschen, die Lust haben, das Bienenland kennenzulernen und evtl. zu unterstützen.
Kontakt: solveig.hoffmann@gmail.com
Ein Infotreffen für alle Interessierten gibt es am 7.2.2016 um 15 Uhr im Atelierraum „Hildes Enkel, Hildegardstraße 49. Wir freuen uns über eine kurze Voranmeldung.

2016

Eigentlich habe ich 2016 gar nicht viel Zeit zum arbeiten.
Oder ich arbeite und mein Baby arbeitet mit?

Jedenfalls gibt es irgendwie trotzdem einiges zu tun!
Hier die Projekte, die ich 2016 angehen werde oder möchte:

Pssst… Hä? SPLITTER! – Wege ins Theater

Meine Bürogemeinschaft, das Kultur- und Produktionsbüro Blühende Landschaften hat dieses Projekt zusammen mit dem Theater der Jungen Welt, dem Kinderbüro und der Nathanaelkirchgemeinde entwickelt. Geflüchtete und nicht geflüchtete Kinder werden in Lindenau die Frage nach ihrer Teilhabe am schönen Leben und den dabei entstehenden Barierren stellen. Auch nach den Barierren, die sich vor den weltoffenen Kulturbetrieben zeigen! Ich bin gespannt, ob es dabei wirklich splittert…

Gefördert im Programm „Wege ins Theater“ der assitej

Das Bienenland

…wird nicht mehr gefördert. Ob ein Land aufhört zu existieren, wenn man ihm den Geldhahn abdreht, muss sich indes noch herausstellen! (Mit Blick auf die Auswirkungen der Finanzkrise ist das wohl in größerem Rahmen ebenfalls interessant…) Jedenfalls möchten wir die Gelegenheit im Bienenland zu sein und das Bienenland weiterzuentwickeln erhalten, und zwar über eine ehrenamtliche Gruppe. Um diese Gruppe ordentlich zu betreuen und nicht einmal mehr in der Selbstausbeutung zu landen, bzw. andere hineinzuziehen, arbeiten wir aktuell an Konzept und Förderung. es wird also Neuigkeiten geben!

Mit im Boot ist übrigens die Ateliergemeinschaft Hildes Enkel.

Die mittelsächsischen Schülertheatertage

werden auch 2016 wieder in Freiberg und Döbeln stattfinden. Julia Schlesinger und ich bereiten diese vor, erstellen ein Workshop-Programm, beraten die teilnehmenden Gruppen und geben Feedback zu den Aufführungen.

Gefördert vom Kulturraum Erzgebirge

Thadeus Roth

…erstellt transmediale Erlebnisgeschichten für Einzelkunden und größere Partner wie z.B. die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten. Wer uns auf Facebook folgt, kann außerdem jede Woche kleine Rätsel knacken: Die schreibe ich. Rätselt gerne mit! Thadeus Roth auf Facebook

Kulturpolitik

Seit einem Jahr besteht das Theater Frauen Netzwerk Leipzig, und wir haben in der kurzen Zeit einiges erreicht: Uns mit PolitikerInnen und Gleichstellungsbeauftragten auf kommunaler, Landes- und Bundesebene getroffen, eine Umfrage erstellt und auch ganz praktisch vom Austausch untereinander profitiert. Dementsprechend möchte ich diese arbeit weitertreiben. Besonders gespannt bin ich auf die Ergebnisse unserer Umfrage.

Die Initiative Leipzig + Kultur versucht, die vielfältigen Interessen der freien Kultursschaffenden in Leipzig gegenüber der Stadt zu vertreten. Auch hier möchte ich mich in Zukunft engagieren. Leipzig + Kultur

Und all die künstlerischen Ideen, die noch in meinem Kopf umherschwirren?                                   

Vieles muss dann doch auf 2017 verschoben werden. Ich freue mich auf ein Jahr, in dem der Arbeitswahnsinn durch den Familienwahnsinn ergänzt wird!

 

 

 

Offener Brief des Bienenlands an Burkhard Jung

Von Staatschef zu Staatschef: Am Dienstag besuchte eine Delegation des Bienenlands die Kindersprechstunde des Chefs von Leipzig, Burkhard Jung. Mit dabei: Ein Brief voller Probleme, die aus Sicht des Bienenlands auf internationaler Ebene angegangen werden müssen. Herr Jung versprach Antwort, den kompletten Brief findet ihr unten. Die BienenbürgerInnen hatten indes auf ihrer Auslandsreise großen Spaß und freuen sich über weitere Begegnungen.

Lieber Herr Chef von Leipzig,

vielleicht wissen Sie das noch gar nicht, aber seit einem Jahr gibt es in Leipzig ein neues Land: Das Bienenland. Das Bienenland ist ein sehr kleines, aber freies und lustiges Land. Es hat ungefähr 40 BürgerInnen und residiert zur Zeit in einer Projektwohnung in der Hildegardstraße 49. Die BienenbürgerInnen kommen aus sehr vielen unterschiedlichen Ländern, zum Beispiel Syrien, Tschetschenien, dem Sudan, Irak, Deutschland uvm. Unsere Nationalspeise sind Honigwaffeln und unsere Nationalhymne heißt Coco Jambo. Wir lieben es Feste zu feiern und tun das auch, wann immer möglich. Wir treffen uns oft zu Versammlungen, bei denen viele Wort fallen. Gibt es in Ihrem Land Leipzig auch Versammlungen? Und was machen Sie, wenn diese Versammlungen langweilig sind?
Letzte Woche fanden in Bienenland Wahlen statt und wir haben eine Chefin für die Mädchen und einen Chef für die Jungen gewählt. Außerdem gibt es bei uns zwei Problemchefs. Die Problemchefs hören sich die Probleme der BienenbürgerInnen an und schreiben sie auf. Manche dieser Problem müssen wir dann in Bienenland besprechen, z.B:

„Jemand hat bei der Wahl gesagt, dass er mir viel Schmuck gibt, wenn ich seinen Namen auf den Wahlzettel schreibe.“
oder
„Ich habe ein Problem, weil jemand mich schlägt und sagt, dass ich dumm bin.“

Was machen Sie, wenn es in Leipzig Bestechungen gibt? Oder wenn sich Leute beschimpfen oder schlagen?

Manche Probleme haben aber auch nichts mit Bienenland zu tun und können deshalb auch nicht in Bienenland gelöst werden, z.B.

„Ich habe ein Problem mit meiner Mama. Warum kauft sie mir nicht ein neues Handy? Ich habe sie gebeten, dass sie mir ein neues Handy kauft.“

„Ich habe ein Problem mit allen Jungs in meiner Klasse. Wir sind zehn Jungs in der Klasse und nur 9 Mädchen. Das ist nicht gerecht.“

Gibt es in Leipzig auch einen Problemchef? Wenn ja, dann würden wir gerne mit dieser Person sprechen. Manchmal haben wir nämlich auch Probleme, für die der Leipziger Problemchef zuständig sein müsste:

„In Syrien war ich in der 7. Klasse und dann in Italien war ich in der 6. Klasse. Und jetzt bin ich in Deutschland gehe ich in die 4. Klasse. Dabei bin ich schon 12 Jahre alt. Wieso ist das so? In meiner Klasse sind alle viel jünger als ich, die interessieren sich nicht für die gleichen Sachen, wie ich. Wie soll ich da neue Freunde finden?“

„Ich möchte gerne in die Schule gehen. Ich gehe gern in die Schule.“

„In meiner Klasse gibt es keinen Sportunterricht. Ich will aber Sport machen, wie alle anderen.“ (hat sich erledigt)

„Ich möchte gerne ein schönes Zuhause. Ich möchte nicht mehr im Heim wohnen. Das Heim ist nicht gut. Wir waren schon in Dresden, alles war gut. (Naja, nicht alles: Wir hatten für alle Leute nur zwei Toiletten, eine für Mädchen und eine für Jungen.) Dann mussten wir nach Leipzig, aber keiner sagte uns, warum. Jetzt sind wir in einem Heim mit vielen Kakerlaken. Draußen ist es sehr kalt, deswegen sind jetzt alle Kalerlaken bei uns drin.“

Vielleicht haben Sie eine Idee, wie im Land Leipzig diese Probleme gelöst werden könnten?

Falls Sie mal in einem neuen Land leben müssen, können Sie gerne nach Bienenland kommen. Bei uns ist jeder willkommen und wer Bürger von Bienenland werden will, kann sich selber einen Pass basteln.

Mit freundlichen Grüßen
Die BienenbürgerInnen

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