Randnotizen III

Ein paar Notizen aus meinem Alltag – für mich als Materialsammlung, für euch, falls es interessiert. Dieses Mal mit einem Fall von unfreiwilligem Stalking, einem unverhofften Zusammentreffen mit der Polizei abseits ihrer Komfortzone und dem unangenehmen Gefühl, die Freiheit der Kunst im eigenen Kopf durchzusetzen. Das Beitragsbild zeigt mal wieder meine Pinnwand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Was machen!

8:15 Uhr, der Sohn und ich verlassen das Haus. Auf der anderen Straßenseite arbeitet eine Frau mit einem Laubbläser – der Sohn ist fasziniert. Wir beobachten sie ein Weilchen und ziehen dann weiter in Richtung Tagesmutter.
8:45 Uhr, ich kehre allein zurück. Die Frau kommt mir mit dem Laubbläser entgegen, sie lächelt freundlich. Ich lächle zurück und sage ohne lange nachzudenken: „Mein Sohn ist Fan von Ihnen!“ „Ach ja?“, fragt sie. „Ja, wir haben Sie kurz beobachtet, nehmen Sie’s nicht persönlich!“, antworte ich und verschwinde im Haus.
ratterratter, klickklick, denkdenk… NEEEEIN! Erst im Haus fällt mir auf, dass ich vielleicht hätte erwähnen sollen, dass mein Sohn erst anderthalb Jahre alt ist.
Liebe freundliche Dame der Stadtreinigung, wir sind keine Stalker, haben keine Fotos gemacht und ich werde Sie nie wieder ansprechen!

Ich warte auf eine Besprechung im Conne Island. Es ist herbstlich, die Füße werden kalt, im Hintergrund zieht ein Skater seine Kreise. Plötzlich öffnet sich die mit Aufklebern übersäte Tür. Drei ältere Polizisten in Ausgehuniform treten heraus: „Wir geben die Besetzung auf!“, lachen und verlassen das Gelände. Später erfahre ich, dass einer von ihnen Bernd Merbitz (Polizeipräsident Leipzig) ist.

Seit einigen Wochen nehme ich an einer Seniorensportgruppe teil. So nehme ich das jedenfalls wahr, natürlich ist es in Wirklichkeit Reha-Sport (für mein Handgelenk, egal). Aber alle sind wirklich viiiiiiel älter als ich. Sie haben weißes Haar, reden in der Umkleide von „der Pflege“ und „Schicksalsschlägen“. Eine untrennbare Masse Senioren. So meine Wahrnehmung. Im Gespräch mit einer der Damen höre ich allerdings heraus: Sie nimmt die Altersspanne des Kurses deutlich breiter wahr. Heute gelernt: Ich bin „ab 60 blind“.

Weihnachtsmarkt. Ich habe eine Mission: Einen Forum frei-Karton entsorgen. Auf dem steht „Ergebnis: Ziegen gefressen, dumm geschaut und wieder um Hilfe gerufen“. Es ist mir peinlich. So peinlich! Und überall Betonquader gegen Terroristen, auf die jemand „Danke, Merkel“ gesprüht hat. Überall Polizei. Leute gucken misstrauisch. Ich stelle den Karton ab, mache mein Foto und verschwinde. Die Freiheit der Kunst beginnt wohl im Kopf?

Immer das Geld.

Neulich fand ich beim Spaziergang mit dem Sohn 10 Pesos. Wir bewunderten die goldene Münze, steckten sie zum Spielen ein, und ich war nur ganz kurz enttäuscht, dass es kein „echtes“ Geld war. Und dabei wurde mir das mal wieder klar: Wie viel ich in letzter Zeit über Geld rede. Über Geld, das habe ich 2017 gelernt, redet man nämlich vor allem dann, wenn man keines hat.

Ich liebe die Freiheiten, die mir die Freiberuflichkeit manchmal bietet: Vor allem die Chance, mir selbst Projekte auszudenken. Wie oft höre ich andere Menschen bitterlich klagen: über idiotisch konstruierte Programme, Ressourcen-fressende Organisationsstrukturen und inhaltlich verfehlte Entscheidungen von „oben“. Großartige Kolleg_innen verschleißen sich in Denstreiseanträgen und Routine-Aufgaben. Man würde gern soviel anders machen, und es geht nicht. Nicht. Nicht. Nicht.

All dem versuche ich mich durch die Freiberuflichkeit zu entziehen, und das war mir lange eine Menge Geld wert. Wie ich schon in meinem ersten Artikel hier auf diesem Blog schrieb: Ich bin immerhin ein bisschen frei.
Natürlich musst auch ich mich an die Logik von Fördermittelvergabe und Vernetzungsstrategien anpassen. Natürlich siebe auch ich inzwischen meine Ideen ganz automatisch und überlege, ob sie förderfähig sind, bevor ich viel Zeit investiere. Natürlich muss auch ich immer wieder Mitstreiter_innen finden. Und Kooperationen mit Institutionen sind auch nicht immer leicht, wenn man allein auf der anderen Seite steht. Aber meinen Tagesablauf bestimme ich selbst, und dazu gehört eben auch, die freie Wahl zu haben, ob ich für ein bestimmtes Projekt MEHR mache. Mit dem Geld kam ich in der Vergangenheit irgendwie hin, es reichte und ich hatte Spaß. Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung sind siamesische Zwillinge, das wissen alle in der Branche.

Diese Freiheit hat sich verändert. Man weiß es ja irgendwie, aber es ist doch heftig: Aus der Elternzeit zurückkommen und sich umstellen. Plötzlich schlagen die Risiko-Faktoren der Freiberuflichkeit härter zu:
1. Faire Bezahlung: Ich achte darauf, dass meine Projektstunden einigermaßen fair bezahlt werden – unter bestimmte Grenzen gehe ich nicht und wünsche mir das auch von meinen Kolleg_innen. Was aber ist mit den vielen Arbeitsstunden, die einfach nie vergütet werden: Für Antragstellung (und hundertfache Überarbeitung, die Feedbackrunden nehmen da ja manchmal kein Ende), Vor- und Nachbereitung, Verwaltung etc.? Aus meiner Sicht das größte Problem.
2. Krankheit: Krank werden sollte man nicht – ich bin auch schon mit verstauchtem Fuß über vereiste Straßen zur Probe gehinkt. Stundenausfall wird nicht bezahlt. Aber ich war ja gesund! Nun allerdings wollen auch noch die Infekte des Sohns versorgt werden. Bleibe ich zwei Tage zu Hause, bekomme ich von der Krankenkasse 20€. Und war gegebenenfalls aus Auftraggeber_innensicht unzuverlässig. Yay.
3. Zeit für Vernetzung: Die Zeit ist knapp, viele Gelegenheiten, potentielle Kooperationspartner_innen zu treffen verstreichen. Im Zweifel, weil ich eine Deadline schaffen muss. Oder weil ich jetzt eben einfach ein Familie habe.

Während die Kolleg_innen um mich herum allerdings immer betriebsamer auf mich wirken, muss ich mir selbst eingestehen, dass ich doch die Schlimmste von allem geworden bin: 2017 habe ich gearbeitet wie verrückt.

Ich habe Wochenendarbeit mit Kind auf dem Rücken, Abendarbeit mit Kind neben mir im Bett, Teamrunde mit Kind und Spielzeug in der Mitte und telefonisches Bewerbungsgespräch mit Kind das Gegenstände durchs Badezimmer wirft erlebt (doch, den Auftrag habe ich bekommen). Mit juckenden geschwollenen Händen (Hand, Mund, Fuß, ja, zu Hause kommen die tollsten Keime an) habe ich eine Bewerbung getippt und bin 10 Tage später mit sich schuppenden, verheilenden Händen zum Bewerbungsgespräch gefahren. In der schlimmen Norovirus-Nacht habe ich meinen Sohn gehalten, am nächsten Morgen habe ich geduscht, meine Hände mit Sterilium Virugard behandelt und bin in die Nachbarstadt gefahren – wichtige Termine. Und in manchen Monaten habe ich mit all dem 300 € verdient.

Andere Eltern werden abwinken: „so war es bei uns doch immer schon!“ – oder entsetzt sein: „such dir doch eine Stelle“ – ich persönlich bin wütend. Dass mein Engagement so wenig wert sein soll. Die meisten meiner Aufträge werden schließlich streng geprüft, und anders als bei so liederlichen Vorhaben wie einem Flughafen oder einem S-Bahntunnel darf ich mich niemals verkalkulieren – auch nicht um nur 50 €. Falls ich jemals den Kleinunternehmerinnen-Status verliere (also mehr als 17500 € jährlich verdiene), werde ich auch saftig Umsatzsteuer abführen müssen, die ich mangels Ausgaben nicht wieder reinholen können werde. Es lohnt sich also noch nicht einmal für mich, irgendeinen Wunderauftrag zu generieren, der mich finanziell so richtig schön ausstattet. Und schließlich arbeite ich hauptsächlich mit gesellschaftlich relevanten Gruppen (Kinder, Jugendliche, Geflüchtete etc.), deren Wichtigkeit immer wieder betont wird. Und die man gern mit billigen Honorarkräften preiswert versorgt. Oder genauer: Die unser Staat mit seiner demokratisch gewählten Regierung und seinem Steueraufkommen gern preiswert mit sich selbst ausbeutenden Honorarkräften versorgt. Die der Institution das unternehmerische Risiko abnehmen und von dem Lohn noch nicht einmal ein (!) Kind ernähren können.

Und das betrifft nicht nur Künstler_innen: Der freie Bildungssektor, die Reinigungsfachkräfte, Übersetzer_innen und und und. Einzelunternehmer_innen sind billig. Vor allem, weil man nicht jede Stunde bezahlen muss.

Ich wiederhole mich: Ich war immer gerne frei. Freiheit heißt inzwischen auch, dass ich meinen Teil zum Familieneinkommen beitragen kann. 2018 hat gerade erst begonnen, und ich bin auf der Suche: Nach einer neuen Strategie. Vorschläge sind sehr willkommen.

Randnotizen II

Ein paar Notizen aus meinem Alltag – für mich als Materialsammlung, für euch, falls es interessiert. Dieses Mal mit viel bzw. wenig Medienkompetenz, Erziehungstipps direkt aus der Hölle und einer unangenehm belustigten Bäckereifachverkäuferin.

Als erstes die Erklärung zum Beitragsbild: Beim Putzen höre ich manchmal „50 Shades of Grey II“. Weil es da ist. Und ich Trash manchmal ganz nett finde. Und überhaupt – egal. Die Stelle mit dem iPad erklärt allerdings ganz gut, warum Mädchen nicht in MINT-Berufen landen, finde ich. Hab’s mal korrigiert.

Zoo, Himalaya-Gebirge, Sohn tapst fasziniert auf kleinen Jungen zu. Sein Mund nähert sich dessen Arm, und weil er manchmal beißt, frage ich das andere Kind, ob alles in Ordnung ist. Es ist alles in Ordnung. Die Oma kommt dazu, will wissen was und überhaupt. Ach, der beißt? Ja, das habe sie von einer Pädagogin, irgendwann helfe da nichts mehr, da müsse man dem Kind einmal auf den Mund schlagen.

Suche Nebenjob, aus Gründen. Bewerbungsgespräch „Datenverarbeitung“, der Chef spricht von „Kunden“, die sich nicht mit Finanzen auskennen, und Beratungen, die seine Firma durchführe. Also potentiell auch ich. Ich frage nach – die Kunden zahlen also für die Beratung? Nein, das übernähmen die Unternehmen, deren Produkte man in der Beratung vermittele. Und die Bezahlung ist dann auf Provision? Ja, ganz recht. Ich lächle höflich, seit wir Familienfinanzen haben, sprechen wir derlei Entscheidungen ab. Mein Partner reagiert auf die beste Weise der Welt: Das machst du NICHT!

Mittagschlaf. Ja, das Kind schläft. Ich fange an, dösig zu werden. Da klingelt es! Vor der Tür stehen zwei Jungs, gekleidet in das, was ich als H&M-junge Business-Mode bezeichnen würde, Hornbrillen, Akte in der Hand, wahrscheinlich halb so alt wie ich. Ich blinzle. Ja, man sei von der Telekom, ob denn unser Internet in letzter Zeit funktionieren würde, ich muss sehr müde wirken, die Frage wird spezifiziert, ob ich denn das Internet nutzen würde. Denk. Denk. Gibt es denn noch Haushalte, die das Internet nicht nutzen?, frage ich. Ja, das gäbe es schon, aber ob wir denn überhaupt bei der Telekom wären… ich behaupte, dass ich das nicht wisse, weil ich gerade auch gar nichts mehr weiß und nur auf das ordentliche Hemd und die Hornbrille starre. Der Junge fragt, ob wir denn Post erhalten hätten. Beim Wort Post malt er tatsächlich mit beiden Zeigefingern ein Viereck in die Luft. Er. Malt. Ein. Viereck. In. Die. Luft!

Es ist 17:59 Uhr, um 18 Uhr macht die Bäckerei zu und ich habe es noch geschafft. Das letzte Brot habe ich schon unterm Arm, da sehe ich noch eine Tüte Mini-Brötchen, die echt lecker aussehen. Was die kosten, frage ich – Ja, die kosten 88 Cent!, schallt es zurück. 88 Cent? Das ist ja ein komischer Preis, denke ich befremdet, höre ich mich sagen. Die Bäckereifachverkäuferin lacht laut, ja, da könne sie nichts dafür, die Preise würden „oben“ gemacht. Offensichtlich ist das allerdings besonders lustig. Ich kaufe die Brötchen nicht. Niemand hat auch nur ein Wörtchen über das Symbol 88 gesagt. Bin ich zu empfindlich? Ihr sofortiger Hinweis, sie trage keine Verantwortung und die Tatsache, dass sie darüber so sehr gelacht hat waren mir richtig unangenehm.

 

Wie läuft es eigentlich… im Bienenland?

Traurig, manchmal sogar problematisch an der Projektarbeit ist oft der enge zeitliche Rahmen, in dem alles passiert und vobeigeht. Und dann gibt es sie manchmal aber eben doch: Die Dauerbrenner. Projekte, die sich immer wieder verändern, neu erfinden, unter erheblichem Aufwand irgendwie weitergehen. Von diesen Projekten gebe ich ab sofort dann und wann ein Update, um die Arbeit sichtbar zu machen, die darin steckt, um das Projekt für mich und euch zu rekapitulieren, manchmal auch, um mich einfach daran zu erfreuen. Als erstes: das Bienenland.

Warum heißt es eigentlich „Bienenland“? Wir sind keine Bienen! Wir haben kein Land! Warum Bienenland?

Diese mit Vehemenz gestellte Frage (Aussage! Kampfschrei! was auch immer) ist in den letzten Wochen aufgekommen. Möglicherweise steht unser kleiner mobiler Staat vor einer neuen Transformation?
Vor zwei Jahren wäre das undenkbar gewesen: Im Februar 2015 gründeten wir mit viel Pomp und der Nationalhymne Coco Jambo unseren eigenen Staat mit ganz eigenen Gesetzen, Bräuchen und Prioritäten. Alles was geschah, geschah in Abstimmung aller Bienenbürger_innen: geflüchtete und nicht geflüchtete Kinder und auch immer wieder Erwachsene. Die Erfahrungen rund um Armut, Traumata und Alltagsrassismus rund um dieses Projekt haben mich sehr geprägt.

Das ursprünglich als Recherchephase angelegte Leben im selbst gegründeten Staat erwies sich als außerordentlich fruchtbar – wie schwierig es ist, das Zusammenleben von Menschen zu organisieren, und welche Bedürfnisse es dabei zu befriedigen gilt! Zugleich blieb es eine Herausforderung, in der Gruppe überhaupt irgendetwas zielorientiert anzugehen. Die Förderung über tanz+theater machen stark sah als dritte Phase eine Inszenierung vor, die wir Erwachsenen gern gemacht hätten: So spannend fanden wir die Forschungsergebnisse, so wichtig die Aufmerksamkeit für die Bienenbürger_innen. Und doch gab es da auch die realistische Sorge: Wie vereinbaren wir die Bedürfnisse der Gruppe mit den Anforderungen an Struktur und Disziplin, die mit der Theaterarbeit einhergehen würden? Oder besser: Würden die Kinder Bock auf Theater haben? Alle Ideen, die uns erfolgversprechend erschienen, wären für ein derartiges Projekt ungewöhnlich, schwer förderfähig gewesen. Vermutlich (so denke ich jetzt) war dieses Dilemma im Antrag spürbar. Er wurde nicht bewilligt.

Und so gab es keine Finanzierung mehr, wohl aber zig Kinder, die uns jeden Dienstag entgegen rannten und eine Arbeit, die uns wirklich sinnvoll vorkam. Wir suchten ehrenamtliche Helfer_innen. Ich verschwand nach Krankheit und Geburt in die Elternzeit. Und mag mir kaum vorstellen, wie viel Kraft es meine Kolleginnen gekostet haben mag, das Fortbestehen des wöchentlichen Angebots „Bienenland“ zu gewährleisten.

Heute sind wir nicht mehr zwei, sondern vier Kulturpädagoginnen und eine Medizinerin, die die konzeptionellen Fäden ziehen. Wir betreuen um die zehn Freiwillige, unterstützen bei der Umsetzung eigener Ideen und versuchen darauf zu achten, dass nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen Gelegenheit haben, sich weiterzuentwickeln. Auch an Rückendeckung in schwierigen Situationen soll es nicht fehlen; bei jedem Dienstagstermin ist eine von uns dabei. Wir bemühen uns um Kontakte in die Kulturinstitutionen der Stadt, an Orte, die den Kindern gefallen könnten. Und natürlich entwickeln wir auch immer wieder Projekte, die für „unsere“ Gruppe interessant sind, beantragen Gelder und summen so ein Stückchen weiter auf unserem Weg.

Inhaltlich arbeiten wir eng an den Wünschen der Gruppe entlang – wir sind Möglichmacher_innen. Dieser Geist des Ursprungsprojekts ist geblieben – wenn du etwas willst, dann nehmen wir dich beim Wort. Ein Märchenschloss? Wir bauen es nicht, aber wir geben wir Holz und Hammer. Neue Regeln? Wenn es dir gelingt, die anderen Gruppenmitglieder zu überzeugen, können wir unsere Regeln ändern. Nicht mehr Bienenland heißen? Wir werden sehen, was hier noch geschieht… Wir unterstützen die Kinder bei ihren Projekten, genauso aber auch die Freiwilligen, beraten wo nötig und freuen uns über alle Erfahrungen.

Und so läuft das Bienenland eben weiter. Im Kernbereich unfinanziert und dennoch so nachhaltig. Wenn ich mir etwas für die Zukunft unseres kleinen Lands wünschen dürfte, dann wäre das Planungssicherheit. Und viele neue Freiwillige. Habt ihr Lust? Dann macht mit!

Harte Fakten: Das Orga-Team besteht aus Katharina Wessel, Bettina Salzhuber, Johanna Dieme, Klara Pegels, Solveig Hoffmann. Räumlich und zeitlich verortet ist das Bienenland am Dienstagnachmittag in den Atelierräumen von Hildes Enkel.

Offener Brief an den Kulturausschuss des Bundestags

Sehr geehrte Damen und Herren des Kulturausschusses,

seit gestern geistert Ihr offener Brief durch meine Timeline – viele meiner Kolleg_innen haben ihn bereits mitgezeichnet. Als freie Kulturschaffende, die viel mit Gefllüchteten arbeitet und sich immer wieder mit der Frage nach einer demokratischen Kultur auseinandersetzt, bin auch ich eigentlich dafür prädestiniert, ihn zu unterschreiben.
Ich werde es nicht tun.

Tatsächlich haben Sie in meinem Fall das glatte Gegenteil erreicht. Ich sage: Gebt der AfD unbedingt den Kulturausschuss!

Das möchte ich erklären.
Sie schreiben „Es darf nicht passieren, dass beim Kampf um Einflusssphären die AfD an einer der sensibelsten, wichtigsten Stellen unseres parlamentarischen Systems ihr nationalistisches Gift in die Debatten injiziert: Der deutschen Kulturpolitik.“ – Ich gebe Ihnen völlig recht – mir wird übel, wenn ich mir das vorstelle. Ich will nicht, dass diese Partei Einfluss auf unsere Medien und unsere Kulturlandschaft hat.
Es ist aber bereits passiert – die AfD wurde gewählt.

Weiterhin listen Sie Ihre Arbeit auf, und in wirklich jedem Punkt bin ich mindestens genauso unglücklich, unzufrieden, besorgt und beschämt wie Sie, wenn ich mir Ihre Zusammenarbeit unter einem etwaigen Vorsitz der AfD vorstelle. Ein_e Abgeordnete_r dieser Partei als Ansprechpartner_in für Holocaustgedenkstätten oder Partner aus dem Ausland? Unvorstellbar.
Es ist aber möglich – die AfD wurde gewählt.

Sollen wir jetzt die üblichen Spielregeln außer Kraft setzen, „damit dieser Kelch am Kulturaussschuss vorübergehe“?
Denn mehr ist in einer Demokratie nicht zu erreichen. Die AfD wird in Ausschüssen sitzen, und sie wird auch irgendwo den Vorsitz haben. Ich möchte mir das auch in anderen Ressorts nicht vorstellen: Familienpolitik unter dem Einfluss der AfD? Katastrophal für Frauen und LGBTQ. Entwicklungshilfe? Muss ich nicht ausführen. Einfach gleich der Innenausschuss? Für Geflüchtete grauenvolle Aussichten.
Der AfD einfach gar keine Funktionen übertragen?
Dann hätte sie nicht zur Wahl zugelassen werden dürfen.
Und ich kann es nicht oft genug wiederholen: Sie wurde nunmal gewählt.

Warum also sollte die AfD gerade dem Kulturausschuss vorsitzen?
Weil hier die Künstler_innen vertreten werden – und die werden wachsam bleiben, aufbegehren, Wege finden. Wenn man Ihnen den Mund verbietet, drücken sie sich mit den Füßen aus. Und wenn die AfD über Kulturpolitik spricht, dann lachen wir doch laut. Fakt ist, dass diese Partei hier kein Konzept und schlicht keine Ahnung hat und uns nicht gewachsen ist. Sie wird in diesem Ausschuss in erster Linie für Peinlichkeiten sorgen. Also wären wir jetzt gut beraten, selbstbewusst zu sein. Aus dem Elfenbeinturm herauszutreten, uns einmal kurz zu schütteln und dann ganz klar anzufangen, diese Partei zu zerlegen, bis nichts mehr von ihr übrig ist. Genau das ist doch unsere Stärke, also los!

Dafür wünsche ich mir Ihre Unterstützung – als gewählte Vertreter_innen meiner Berufsgruppe. Hauen Sie für uns kraftvoll auf den Tisch! Und kraftvoll heißt eben auch: Mit einem Bekenntnis, keine Sonderregeln zu brauchen.

Hochachtungsvoll
Solveig Hoffmann

Performativ entsorgt

- Ich wähle die AfD, ich habe schonmal erlebt, wie ein Staat zusammengebrochen ist. 
+ Was hat das konkret bedeutet? 
- Wie bedeutet? 
+ Was war anders? 
... 
- Ich durfte meine Sprache nicht mehr sprechen. 
(Gespräch mit Mann ukrainischer Herkunft)

Schon vier Jahre ist es her, da starteten meine Kollegin Katharina Wessel und ich das Projekt „Forum frei“. Wir beschrifteten 200 Sitzkartons mit diskriminierenden Zitaten aus Internetforen und bauten daraus eine Installation auf verschiedenen öffentlichen Plätzen in Leipzig und Halle. Die Menschen kamen vorbei, reagierten ganz unterschiedlich und einige der dann entstandenen Gespräche werde ich nie vergessen. Wenige Wochen später startete PEGIDA.

Gestern wurde die AfD mit 13% der Stimmen in den Bundestag gewählt, in Ostdeutschland waren es vielfach deutlich mehr, hier in Sachsen wurde sie sogar stärkste Kraft. Vorläufiger Höhepunkt einer Entwicklung, die wir vor vier Jahren nur als Schreckensszenario in Anträge geschrieben hatten. Und dennoch so vorhersehbar. Denn die gebrochenen Biographien, die laufen hier auf der Straße rum.

Wenn du Englisch lernen willst und das Amt zahlt das nicht, geh zu den Mormonen, Unterricht ist umsonst. (Gespräch mit älterem Mann)

Ich lebe in Leipzig-Süd, also auf der roten Insel Sachsens, und das passt ins Bild, denn ich bin ja Kulturschaffende. Da hatten wir nun also unsere Performance, hatten sogar unseren winzigen Mini-Shitstorm im LVZ-Forum („Kann es sein, dass das nur eine Marketing-Aktion der „Performance“-Firma Wessel&Hoffmann war, die außerhalb ihrer sonstigen Wirkungsstätte niemand kennt?“) und eine Menge Geschichten. Ja, ganz recht, Geschichten, denn das war die große Erkenntnis aus dem Projekt: Es ging immer nur an der Oberfläche um Meinungen. Darunter aber liegen Geschichten.

In den 90ern auf Usedom, da hat sich niemand um uns gekümmert. Ich war einfach nur nicht rechts, das reichte schon, damit die Nazis mich gejagt haben. - Und deine Eltern? - Die haben das nicht mitbekommen. - Aber was hast du denen denn erzählt, wenn du in eine Schlägerei verwickelt warst? - Wir haben uns doch gar nicht gesehen. Meine Mutter hat nur gearbeitet. Die hat mir nicht geglaubt. Erst als ihr Azubi einen Punker angezündet hat, hat sie mir geglaubt, was ich erzähle. Aber da war ich auch schon vorbestraft. (Gespräch mit jüngerem Mann)

Nicht alle der Menschen, die ich hier aus dem Gedächtnis zitiere, haben rechte Anschauungen vertreten. Aber sie alle haben lange von den 90ern erzählt. Von einer Zeit im freien Fall, ohne Ordnung. Manche haben, wie man so schön sagt, „die Kurve gekriegt“. Manche nicht. Manche bekamen eine Chance und nutzten sie. Andere arbeiten seit einem Vierteljahrhundert in prekären Jobs oder gar nicht.

Manche erinnern sich an Enttäuschungen, manche an Demütigungen. Möglicherweise ist das der schmale Grad, auf dem sich entscheidet, ob sich ein Mensch noch auf Demokratie einlässt.

Und es braucht eigentlich keine Performance, um diese Geschichten zu hören, es reicht, beim Sonntagsessen bei den Großeltern hinzuhören, beim Nachbarn nachzuhaken und sich ganz allgemein für andere Menschen zu interessieren. Ich selbst komme aus dem Westen und bin manchmal sehr schockiert, wie wenig Verständnis für die besondere Geschichte Ostdeutschlands hier vorzufinden ist. Natürlich, der Säxit, klasse Idee, wir lassen Sachsen einfach hinter uns, haha! Ostalgie, verstehen wir nicht, da gab es doch gar keine Reisefreiheit! Und überhaupt, die Ossis haben doch Kohl gewählt, das war eben dämlich!

Die Kommentare zur Wahl atmen einen ähnlichen Geist. Wie können die demokratischen Parteien Wähler_innen zurückgewinnen, fragt man sich da. Gar nicht! Zurückgewinnen kann man nur, was man schonmal hatte. Und viele Menschen sind bis heute ins politische System der BRD nicht integriert.

Das alles ist dennoch keine Entschuldigung, rechtsradikal zu wählen oder zu handeln. Ich habe KEIN Verständnis.

Die Frustration dahinter, die verstehe ich aber schon. Und das sind keine Sorgen und Ängste. Das ist Wut darüber, dass nie zugehört wurde. Der perfekte Nährboden für eine ekelhafte, rechtsradikale, menschenverachtende Protestpartei. Mit ihrem Gebrüll und Gehetze hat sie es geschafft, dass wir vier Jahre lang über Asylgesetze gesprochen haben, anstatt uns über das wirklich wichtige Thema zu beraten: Wie schaffen wir es, gleichzeitig die Geflüchteten und die Gedemütigten zu integrieren? Ich bin überzeugt, dass das möglich ist. Wenn wir es endlich versuchen würden.

Ich habe nichts gegen das Kopftuch, nur gegen die Burka. Ich mag das nicht, wenn ich Leuten nicht in die Augen gucken kann. In den 90ern habe ich bei Militärübungen der Amerikaner gejobbt. Einmal war ich der Bürgermeister von dem Dorf, das die sichern sollten. Und jeden Tag ging da der General rum und trug eine Sonnenbrille. Es war klar, wenn der zu mir kommt, sage ich ihm, dass er die absetzen soll. Er hätte das dann machen müssen, weil ich ja der Bürgermeister war. Aber an dem Tag, wo der zu mir kam, da hatte er die Sonnenbrille dann nicht auf. (Gespräch mit Mann Mitte 50)

Zurück zu unserer Performance – die ist aktuell wie nie und dennoch in die Jahre gekommen. Im Keller modern also seit Jahren hunderte rassistische Kartons, und wir wollen sie eigentlich nur noch loswerden. Deshalb werden sie jetzt performativ entsorgt. Diesen Prozess könnt ihr übrigens auf Facebook und Instagram verfolgen.

In gewisser Weise haben die Wähler_innen der AfD mit den demokratischen Parteien dasselbe gemacht: Wütend und schmollend und protestierend so gewählt, dass sich die Scheinwerfer gedreht haben. Leider nur bis zur AfD und nicht bis zu eben dieser Wählerschaft. Die den ganzen Prozess vermutlich auch selbst nicht so richtig reflektiert hat und damit keinen Schritt weiter ist als vorher. Aber Hauptsache: Performance. Hauptsache: Entsorgung. Demokratie? Sind wir nicht so richtig reingekommen, schmeißen wir in den Müll.

Kennen Sie schon die AfD? Die sind gut.
(derselbe Mann, zur Begrüßung, Oktober 2013)

Ehrenamtliche Helfer_innen gesucht!

– kulturpädagogische Arbeit mit geflüchteten Kindern –

Das Angebot
Jeden Dienstag treffen sich in den Atelierräumen der Initiative „Hildes Enkel“ Kinder, die entweder im Asylbewerberheim Torgauer Straße wohnen oder ehemals dort gewohnt haben. Gemeinsam gestalten wir unsere Zeit nach den Ideen der Kinder: basteln, malen, spielen, verkleiden oder etwas bauen. Die Erwachsenen sind in diesem Prozess unterstützende Möglichmacher_innen, gehen auf die Ideen der Kinder ein. Probleme in der Gruppe werden möglichst gemeinsam gelöst, dabei können im gemeinsamen Prozess auch unkonventionelle Lösungen gefunden werden. Für diesen Raum gibt es einen Namen: Das Bienenland.

Die Arbeit
Das Angebot umfasst nach Absprache die Abholung der Kinder in der Torgauer Straße, die gemeinsame Gestaltung des Nachmittags und das Zurückbringen der Kinder. Wichtig sind eine grundsätzliche Offenheit im Umgang mit Menschen und neuen Situationen und Geduld und Kreativität bei Übersetzungsprozessen.

Organisatorisches
Das Angebot findet immer dienstags nachmittags statt:
15 Uhr Treffen des Teams
16-17:30 Uhr Abholen der Kinder im Heim, Angebot im Atelier „Hildes Enkel“
ab 17:30 Uhr Zurückbringen der Kinder.

Alle zwei Monate gibt es zudem ein Treffen aller ehrenamtlichen Helfer_innen, um aktuelle Entwicklungen, Erfahrungen und Probleme zu besprechen.

Wer/Was steht dahinter?
Das Bienenland ist aus dem Projekt „Wo die wilden Bienen wohnen“ hervorgegangen, dass 1,5 Jahre von mehreren Trägern unter Leitung/nach einer Idee der Künstlergruppe „Performance-Firma Wessel&Hoffmann“ aufgebaut wurde.
Inzwischen hat sich das Bienenland zu einem regelmäßigen kulturpädagogischen Angebot entwickelt, das von Ehrenamtler_innen getragen wird. Betreut wird es von den Theater-/Kulturpädagoginnen Katharina Wessel, Solveig Hoffmann, Johanna Dieme, Kara Pegels und Bettina Salzhuber, von denen an jedem Termin mindestens eine anwesend ist und die zudem bei Problemen als Ansprechpartnerinnen zur Verfügung stehen.

Interesse?
Wir freuen uns sehr über Menschen, die Lust haben, das Bienenland kennenzulernen und evtl. zu unterstützen!

Kontakt: bienenland@eexistence.de

Ein Auftakttreffen für alle Interessierten wird es unter dem Titel „Freiwillig mit Kuchen“ am 21.10. um 15 Uhr im Atelierraum „Hildes Enkel“ geben: Hildegardstraße 49, 2. Stock.
Bei Kaffee und Kuchen können hier alle Fragen in persönlicher Runde geklärt werden.

Hier geht’s zur Facebook-Veranstaltung „Freiwillig mit Kuchen“.

Auf bald, wir freuen uns!

Randnotizen

Ein paar Notizen aus meinem Alltag – für mich als Materialsammlung, für euch, falls es interessiert. Dieses Mal mit einer sehr wütenden Dame, dem üblichen Verwaltungswahnsinn und dem Scheitern an meinen eigenen Ansprüchen:

Wilhelm-Leuschner-Platz, mein Sohn übt das freie Stehen, ich beobachte Leute. Plötzlich eine ältere Frau, gepflegt, schlohweißes Haar, brüllt: DAS SOLLEN IHR JETZT ALLE MAL ERKLÄREN, ES HAT NICHT IMMER RECHT, WER RUHIG BLEIBT, BRÜLL BRÜLL UND SO WEITER… Blick zum Sohn, den juckt es nicht. Die Frau steht inzwischen vor einem glänzenden BMW und brüllt weiter. Ich verspüre Lust, mitzumachen. Hat sie nicht irgendwie Recht?

Brief vom Finanzamt, man mahnt meine Steuererklärung 2016 an. Die ich erst machen kann, wenn das Finanzamt 2015 abgeschlossen hat, denn erst dann wird mein Elterngeld abschließend berechnet, und daraus ergibt sich mein Einkommen. Das ich vermutlich gar nicht vesteuern muss, weil zu niedrig. Davon hängt dann wieder ab, was ich von meiner Krankenkasse zurückbekomme. Und muss ich das dann auch nochmal angeben? Mein Kopf ist mit Knoten gefüllt.

Spielplatz I: Sitze mit einer anderen Mutter im Sandkasten, wir quatschen. Außer uns sind nur Väter mit Kindern da. Aber die sitzen alle einzeln.

Spielplatz II: Ein kleiner Junge stellt sich vor mich hin und fragt, warum ich meine Kirschkerne ins Gebüsch werfe. Ein Gespräch entwickelt sich. Er findet die Bäume toll, wenn er groß ist, wird er mit einem Seil hinaufklettern und von Baum zu Baum steigen. Sein Papa kann das (bestimmt, Anmerkung d. Verfasserin) auch. Und und und. Ein zweites Kind kommt dazu. Ich gucke mich um und bin die einzige Erwachsene, die sich mit einem Kind unterhält. Frage: Ist es falsch, sich mit fremden Kindern zu unterhalten?

Zugfahrt Ruhrgebiet – Leipzig. Neben uns steigen 2 Teenager ein, Junge und Mädchen, die Mutter des Mädchens erklärt nochmal, wo sie aussteigen sollen. Junge spricht sehr laut, beide freuen sich auf ihren Urlaub. Unterwegs sprechen sie über Schwulenrechte, Bier und Kaffee und wie weit es noch ist. Woran habe ich sofort gemerkt, dass sie eine Behinderung haben? Ich freue mich, dass die beiden ihren Urlaub genießen und ihrer Schublade zumindest teilweise entsprungen sind. Und schäme mich, dass ich selbst innerlich sofort die Schublade aufgezogen habe.

Der I-Embryo

Die Inklusion ist ein Dauerthema.
Ein Menschenrecht, ein Prüfstein für das Bildungssystem, für die Gesamtgesellschaft. Zugleich ein mühseliges Geschäft für unterbezahlte Menschen und insbesondere Eltern, die nach der Geburt zu Sachbearbeiter_innen ihres eigenen Kindes werden (sollen, müssen, nicht wollen). Mareice Kaiser hat darüber auf ihrem Blog und in ihrem Buch ganz wunderbar geschrieben.
Und heute, da geht diese Nachricht um die Welt: Erstmals Gendefekt bei Embryo korrigiert. Offenbar gelang es den Forschern noch während der Befruchtung mit der so genannten Gen-Schere CRISPR den Gendefekt zu korrigieren. (vgl ebd.)

Das ist so science fiction-mäßig – ich kann mir beim besten Willen wirklich nur eine winzige Nagelschere vorstellen, mit der in einem bunten DNA-Strang herumgeschnippelt wird. Ich bin also offenbar völlig unqualifiziert, um zum technischen Hergang irgendetwas Sinnvolles beizutragen. Aber ich kenne Menschen mit und ohne (!) Behinderung. Ich kenne die sogenannten I-Kinder, die einen Integrationsstatus haben – bei manchen wundert mich das und ich mutmaße, ob die Wimpern bei irgendeiner Untersuchung in die falsche Richtung gezeigt haben. Und ob das nicht manchmal einer Schule auch ganz recht ist, den einzigen I-Platz an ein „falsche-Wimpernrichtung-Kind“ zu vergeben.

Dann kenne ich auch I-Kinder und Erwachsene, die schon so lange mit einem imaginären I über dem Kopf herumlaufen, dass sie davon geprägt wurden. Manchmal nerven die mich ganz schön, weil sie immer soviel Schlechtes erwarten. Wenn wir aber eine gemeinsame Ebene gefunden haben, dann sind das oft die spannendsten und interessantesten Menschen. Es lohnt sich also, so ein I beiseite zu boxen! In der Kulturpädagogik habe ich mit diesen I-Kindern oft viel Spaß gehabt. Weil die nämlich eine Menge zu erzählen hatten.

Und natürlich gibt es auch die Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen, zu denen ich auch schon Kontakt hatte, allerdings weniger intensiv. Was sich sicher auch nochmal ändern wird.

Wenn wir ehrlich sind, kennen wir also wahrscheinlich alle eine ganze Menge mehr Menschen mit irgendwelchen Einschränkungen, als wir uns im Alltag bewusst machen.

Und nun denke ich wieder an die hochwissenschaftliche Nagelschere und das Reparieren all dieser Behinderungen. Und ich versuche fair zu sein: Natürlich würde ich all diesen Menschen von Herzen gönnen, einfach keinerlei Einschränkungen zu haben. Gäbe es eine Welt, in der wir alle Embryos komplett gesund schnippeln könnten, in der kein einziger aussortiert und abgetrieben würde, wo die ganze Technik ausschließlich zu gesund geborenen Kindern führen würde – wer würde sein eigenes Kind davon ausschließen wollen? Wer würde sich selbst als Elternteil davon ausschließen wollen?

Mal abgesehen davon, dass die Welt eben nicht so ist, macht mir aber nun ein anderer Aspekt große Angst: Was macht eine solche Technik mit unserer menschlichen Fähigkeit, uns mit Veränderungen, gescheiterten Ideen, Enttäuschungen auseinanderzusetzen und Neues daraus zu entwickeln?

Ich habe den Eindruck, dass die Nobelpreis-verdächtige Nagelschere im DNA-Strang in erster Linie etwas anderes wegschneidet, als die Behinderung, nämlich die an sich geniale Fähigkeit unserer Gehirne, immense Anpassungsleistungen zu vollbringen. Wir verschieben den Anspruch mit einer körperlich/geistig/seelischen Veränderung klarzukommen ins Private, wo Menschen damit verständlicherweise völlig überlastet sind. Anstatt endlich mal daran zu arbeiten, die Fähigkeit zur Unterschiedlichkeit zu trainieren, deren Mangel uns letztendlich alle im Wortsinn behindert.

Mir tun auch all die Nicht-I-Kinder leid, wenn sie in eine Gesellschaft geboren werden, die sie nur gesund, intelligent, schlank, beweglich usw. akzeptiert. Sie alle (auch ich) könnten morgen einen Unfall haben und plötzlich auf die Seite der I-Kinder wechseln. Ihr Wert ist an unsichtbare Spinnweben geknüpft, an die Vorstellung von „das funktioniert“, „das kenn ich, das ist vertraut“, von „darauf bin ich stolz“. Diese Spinnweben können so leicht reißen, und dann müssen sie und ihr ganzes Umfeld von vorn anfangen.

Viele schaffen das. Manche verzweifeln. Das ist kein persönliches Versagen, sondern Spiegel einer Leistungsgesellschaft, die es verlernt hat, Menschen in ihrer Nicht-Perfektion anzunehmen. Und die deshalb meiner Meinung nach immer mit einem Bein in der Depression steht.

Und da hätten wir natürlich eine Volkskrankheit, an der auch sehr sehr viele Nicht-I-Kinder leiden.

 

 

 

 

 

(Soziokultur) Kunst mit normalen Menschen.

Soziokultur ist ein Wort, das ich nicht mag.
Soziokultur ist ein Wort, das Kulturinstitutionen einem hinterherrufen, wenn man nicht so toll tanzen kann wie die richtigen Künstler_innen. Soziokultur ist ein Wort, zu dem rotbackige Flüchtlingskinder mit Hartz IV-Senior_innen im Chor Trickfilme schnitzen. Vor allem aber ist Soziokultur ein Wort, dass ich nicht verstehe.

Das mag daran liegen, dass der Begriff in meinem Studium der Theaterwissenschaften kein einziges Mal aufgetaucht ist; weder im Seminar über Arne Sierens und Alain Platel, die beide mit nicht professionellen Schauspieler_innen gearbeitet haben, noch im Seminar über Kinder- und Jugendtheater, schon gar nicht im Zusammenhang mit den zahlreichen Bürgerchören von Einar Schleef bis Volker Lösch. Und ich höre den unausgesprochenen Satz förmlich in meinem Kopf: „Das ist doch keine Soziokultur! Das ist doch richtige Kunst!“ Auch in den Erziehungswissenschaften spielte die Soziokultur keine Rolle, höchstens wurde die kulturelle Bildung mal kurz gestreift. Zurecht, denn Fragen von Erziehung und Sozialisation können zwar wie alle gesellschaftlichen Fragen in der Kunst aufgegriffen werden, nicht aber ist es Aufgabe der Pädagogik, Einfluss auf die Kunst zu nehmen. Damit verlöre die Kunst ihren zweckfreien Charakter, und der sollte uns allen heilig sein.

Was also soll das sein: Soziokultur? Die Bundesvereinigung soziokultureller Zentren erklärt es netterweise gleich auf ihrem Internetauftritt: „Der Begriff Soziokultur beschreibt aber auch eine kulturelle Praxis mit starkem Gesellschaftsbezug, die sich auf sehr verschiedene Weise realisieren kann, immer entlang der aktuellen lokalen Bedürfnisse und Gegebenheiten.“ Und Wikipedia erklärt ganz ähnlich: „Soziokultur ist auch ein Fachbegriff der Kulturpolitik. Er bezeichnet hier eine direkte Hinwendung von Akteuren und Kultureinrichtungen zur gesellschaftlichen Wirklichkeit und zum Alltag.“

Nun gut. Vor vielen Jahren wurde ich mal im Centraltheater gefragt, was ich später mal machen wolle und antwortete spontan: Kunst mit normalen Menschen. Das war natürlich salopp und trotzdem irgendwie richtig, und nach einigermaßen gründlicher Abnutzung durch bürokratische Förderstrukturen frage ich mich inzwischen schon, welchen Begriff man sich für diesen meinen Plan noch hätte einfallen lassen können: Normalokunst? (Übrigens schreibe ich gerade Centraltheater und nicht Spinnwerk, denn sonst werde ich ja doch wieder ins Nichtschwimmerbecken eingeordnet, und auch wenn ich nicht tanzen kann, schwimmen schaffe ich schon. Aber ich schweife ab.)

Wenn die „direkte Hinwendung von Akteuren und Kultureinrichtungen zur gesellschaftlichen Wirklichkeit und zum Alltag“ in der Kunst als Soziokultur bezeichnet wird, woher kommt dann das Unbehagen, das ich unter Kolleg_innen und in den Institutionen hier in Leipzig immer wieder wahrnehme? Wieso soll ich dann in jedem zweiten Antrag die gesellschaftliche Relevanz des Projekts erläutern – mich aber ganz klar zwischen den jeweils zugeordneten Fördertöpfen und Institutionen der Soziokultur respektive Hochkultur entscheiden? Und wieder die Begrifflichkeiten: Soziokultur und Hochkultur, really? Wäre ein besseres Wort für meine Normalokunst dann vielleicht Tiefkultur?

Natürlich geht es hier einfach um die Abgrenzung von Elite von eben den „Normalos“, und wenn die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren diesen Gegensatz als inzwischen „weitgehend überholt“ beschreibt, dann ist das niedlich. Niedlich deshalb, weil kein Vertreter der Hochkultur auf die Idee käme, sich dergleichen einfach mal ganz oben auf den eigenen Web-Auftritt zu schreiben. Weil es hier einfach nicht als relevant empfunden wird, weil es möglicherweise einen Bedarf gibt, sich abzugrenzen, weil weil weil. Und ja, niedlich ist auch, wie auf Wikipedia die Anfänge der soziokulturellen Zentren beschrieben werden: „Friedens-, Umwelt-, Frauen- oder Jugendzentrumsbewegung suchten nach Freiräumen, die sie häufig in alten Fabriken fanden.“ Also genau die Bewegungen, die sich sowieso lange hinten anstellen durften wenn es um Geld und gesellschaftliche Anerkennung ging, die suchten sich dann auf eigene Faust ihre alten Fabrikhallen um unterfinanzierte Kunst zu machen. Man könnte sich mit ihnen solidarisieren, einfach weil das die Freiheit aller stützen würde, sich öffentlich und kreativ zu betätigen. Aber man kann natürlich auch an „Umwelttheater“ denken. „Friedensperformances“. Oder, Gott sei meiner Seele gnädig: „Frauenkunst“. Dann doch lieber Elite sein?

Bei all dem klärt sich für mich aber immer noch nicht, warum die „Hinwendung zur gesellschaftlichen Wirklichkeit und zum Alltag“ einen gesonderten Begriff benötigt. Ist Hochkultur etwa nur jene Kunst, die sich von der gesellschaftlichen Wirklichkeit abwendet?

Nun, vielleicht sind die sogenannten soziokulturellen Projekte an dieser Stelle ja wirklich näher dran. Einige Beispiele aus der eigenen Praxis: 2013 starteten Katharina Wessel und ich das Projekt „Forum frei“, damals gefördert unter anderem durch den Fonds Soziokultur. Unser ästhetisches Material: Menschenverachtende Kommentare aus Internetforen. Ein Jahr später ein Thema, das von Heiko Maas und vielen anderen groß entdeckt wurde. Plötzlich in viel größerem Umfang förderfähig. Wir waren „zu früh“. 2014, wir starten im selben Team das Projekt „Wo die wilden Bienen wohnen“, gründen kurz darauf einen Staat mit geflüchteten und nicht geflüchteten Kindern, das Ganze gefördert durch „tanz+theater machen stark“, einen Topf zur Förderung benachteiligter Kinder. Jetzt, 2017, ist die Staatengründung ein beliebtes Motiv auf deutschen Bühnen. Auch unsere Kolleg_innen von friendly fire haben ihren Staat gegründet. Mit anderer thematischer Gewichtung, mit Erwachsenen, mit Förderung der Hochkultur. Schöne Sache. Aber durften und konnten wir unsere Idee, mit der wir vor drei Jahren anfingen zu arbeiten, nur deshalb entwickeln, weil wir den Auftrag hatten, uns nah an die Kinder uns ihre Lebenswirklichkeit heranzubegeben? Um den Preis, diese Kinder dann bitte auch zu fördern – denn wer frühzeitig nah rangeht, der kann ja dann gleich auch noch pädagogische Aufträge mitnehmen? Zweckfrei fördert die Soziokultur in der Regel nicht. Auch wenn sich das viele Akteure sicherlich wünschen.

Doch wenn wir durch das ganz nahe Herangehen, das ganz sorgfältige Kommunizieren tatsächlich besonders früh bestimmtes Material bergen und erarbeiten könnten – wie toll wäre es dann, wenn wir nicht zwischen Soziokultur und Hochkultur unterscheiden sondern stattdessen einfach zusammenarbeiten würden? Es ist, und davon bin ich überzeugt, eine Kunst, mit Menschen kreativ in Kontakt zu kommen, vernünftig mit der daraus resultierenden Verantwortung umzugehen, eine besondere Begegnung zu erschaffen. Ich nenne das inzwischen nicht Tiefkultur, sondern Begegnungsdesign. Klingt besser, mehr nach bewilligtem Förderbescheid.

Zwischen den Zeilen, das kann ich wohl nicht leugnen, scheint hier eine beleidigte Leberwurst durch, die auf den Begriff der Soziokultur einprügelt, weil es eben auch nicht immer leicht ist, hier eingeordnet zu werden. Weil ich mit meinen Projekten nicht als bunte und lustige Pädagogik wahrgenommen werden möchte, sondern als Künstlerin. Werde ich das nicht? Es gibt da noch einen Aspekt, über den keiner spricht: Soziokultur erhält keine schlechten Kritiken.

Aha, da kann man schonmal sauer werden! Und zwar von beiden Seiten!

Jede_r Künstler_in hat schon Verrisse kassiert, und das ist nicht immer fair. Die sehbehinderten Aquarellmusikant_innen aus dem Plattenbaustadtteil können hingegen den größten Unsinn dichten – die Lokalzeitung wird sich freundlich äußern. Und das muss aufhören. Wenn ich ernst genommen werden will, dann muss ich mich auch Kritik stellen. Selbst wenn die Redakteurin keine Ahnung hat, wie sie die Kindergruppe „nett“ kritisieren soll, wenn der Redakteur nicht zwischen Konzept, Projektleitung und Kindergruppe unterscheiden kann. Sogar wenn der Text ungerechtfertigt, unfair oder schlampig geschrieben ist. Denn ab da wird mir zugetraut, damit fertig zu werden. Ab da bin ich kein einbeiniges Ballettmädchen mehr, das mit dem Fotografieren der Umwelttheatergruppe betraut wurde. Sondern ein Mensch, der sein Bestes gibt. Über alles, was weniger ist, mag ich hier gar nicht geschrieben haben.

Also: Her mit eurer Kritik an diesem möglicherweise ungerechtfertigten, unfairen oder schlampig geschriebenen Text! Danke.