Methodensammlung: Schöne Schnipsel

Es ist schon eine Weile her, da regte eine Kollegin an, dass ich doch meine selbst entwickelten Methoden mal verschriftlichen und zugänglich machen solle. Ich finde es grundsätzlich schwierig, abzuschätzen, ob ich meine Arbeitsweisen erfunden oder abgewandelt oder abgeguckt habe, denn letztendlich ist immer alles im Fluss. Mit diesem Hinweis versehen lasse ich mir aber gerne in die Karten gucken. Wie zum Beispiel bei dieser Methode:

Name: Schöne Schnipsel

Kern der Sache: Man fertigt aus Schnipseln/altem Zeug/Müll etwas an, was Bedeutung für einen hat, z.B. ein schönes Selbstbildnis.

Ziel: Sich mit dem Unperfekten und Provisorischen (an sich selbst und/oder anderen) spielerisch bis liebevoll beschäftigt und eine echte Wertschätzung dafür entwickelt zu haben.

Abwandlungen: Was angefertigt wird und welche Materialien verwendet werden kann endlos variieren. Es sollte auf jeden Fall etwas mit dem Projekt und den beteiligten Menschen zu tun haben. Es könnte auch das Thema Langeweile behandelt werden, z.B. indem man aus den Steinen an der Bushaltestelle an der man wartet einen ganz besonderen Ort erschafft, der diese Bushaltestelle zum Zentrum des Universums macht… Und so weiter.

Hintergrund: Entwickelt habe ich diese Idee als Methode, ein schönes Selbstbildnis zu erschaffen. Viele Mädchen und Frauen die ich kennenlernen durfte, waren in Bezug auf ihr Äußeres von einem gnadenlosen Perfektionismus, der sie stark hemmte und einschränkte. Durch das Kleben von Schnipseln zu einem lebensgroßen wunderschönen Selbstbildnis entstand die Gelegenheit, sich zu öffnen, darüber ins Gespräch zu kommen und vor allen Dingen Spaß am Unperfekten zu haben. Ich überlege noch immer, wann ich mal endlich so ein Bild von mir mache!
Witzigerweise ist man mit diesem Thema ja nie allein… Kürzlich stieß ich auf diesen Artikel von Andrin von Mom and Art. Da gibt’s also noch mehr Ideen.

Gebt mir gern bescheid – könnt ihr solche Methodenbeschreibungen brauchen? Dann gibt es bald mehr davon…

Mit Baby im Ozean – Zoom Kindermuseum Wien

Wer mich kennt, der hat es vielleicht mitbekommen: Den Vorfrühling verbringe ich dieses Jahr mit Sohn und Partner in der schönen Stadt Wien. Leider ohne ins Theater gehen zu können (das ist ein echtes Opfer!), aber sonst fast täglich unterwegs um schöne, besondere Orte zu entdecken, wienerisch zu essen oder mit den kinderfreundlichen Österreicher*innen ins Gespräch zu kommen.

Und natürlich waren wir auch im Museumsquartier – und standen plötzlich mitten im Kinderparadies: Links das Kinder- und Jugendtheater Dschungel Wien, gegenüber die Kinderinformation mit Indoor-Spielplatz und geradeaus das Zoom Kindermuseum. Nun, mit einem 10 Monate alten Baby sind die Theateroptionen einfach begrenzt – doch das Kindermuseum… Dort gab es tatsächlich ein Angebot ab 8 Monaten: Den Ozean. Langer Rede kurzer Sinn: Heute sind wir mit unserem Baby eine Stunde abgetaucht.

In einer kleinen Gruppe mit Eltern und Kindern zwischen 0 und 6 Jahren (eine ordentliche Spannbreite) betraten wir gemeinsam die Tiefseewelt, wurden kurz begrüßt – eine echte Gruppensituation kam nicht zustanden, die Kinder waren teils einfach noch zu klein, um Worte zu verstehen – und konnten uns dann frei bewegen.  Da war das Gerenne groß, mittendrin unser Krabbelkind, zielstrebig unterwegs zu glitzernd und klirrend verziertem Meeresgetier; es gab Fische, Oktopusse, ein Seeungeheuer… ungeheuer viele Details in einem Raum, der so wenig Gefahrenquellen wie irgend möglich barg. Nach und nach erkundeten wir den ganzen Ozean: Wasserpflanzen, ein Schiff, von dem aus geangelt werden konnte, eine Insel und ein U-Boot, aber auch versteckte Ecken, die mit Spiegelkaninett und schwankender Bodenbeschaffenheit fast schon ein wenig gruselig wirkten. Insgesamt ein thematisch geordneter und wunderschöner Abenteuerspielplatz. Die Kinder sahen ausnahmslos glücklich aus.

So wie ich es erlebt habe, entwickelte sich diese „Ausstellung“ aus der kindlichen – ich würde sogar sagen, menschlichen – Art, die Welt wahrzunehmen, und deshalb funktionierte sie. Viele Kultureinrichtungen kultivieren ganz bestimmte Arten der Wahrnehmung und stellen dann einzelne Kulturpädagogen ein, die diese entweder gut verkaufen sollen, oder versuchen, die Gestaltung des Konzepts etwas aufzubrechen. Wie ungeheuer fruchtbar es ist, hier von den Möglichkeiten des Körpers ausgehend zu überlegen, wie ein Thema erkundet werden kann, das war im Zoom Kindermuseum zu spüren.

Und für unser Baby hätte das gereicht: Wahrnehmung. Ausprobieren, in einem geschützten Raum. Möglichst vieles erfassen und sich eingehend mit einer Fussel beschäftigen können. Oder einer Fuge. Einem Schnürsenkel. Es braucht noch kein Thema wie den Ozean.

Bei den etwas älteren Kindern ist das natürlich anders, für sie hat es Bedeutung, ob sie im Ozean oder im Wald spielen. Der Ozean nun ist seit über 20 Jahren in Benutzung. Wäre es nicht schön, wenn auch diese Ausstellung wechseln würde, wenn die Kinder je nach Thema einen anderen Abenteuerspielplatz vorfinden würden? Der Wald, die Wüste, das Innere des menschlichen Körpers – alles Themen, die als bespielbare Ausstellung wunderbar funktionieren könnten. Und hätten nicht auch Erwachsene Spaß an solcherlei Präsentationen?

Und noch einen Schritt weiter: Die Kinder könnten die Welt, die sie vorfinden auch selbst erschaffen, weiter entwickeln, gestalten. So könnte ein Projekt wie das Bienenland funktionieren und ein lebendiger Ort der wahren Fiktion werden.

Wie lange wäre das dann noch eine Ausstellung? Ab wann hätten wir einfach Fakten geschaffen?

Unser Tiefseekind schläft inzwischen und träumt vielleicht von Rutschsocken auf dem Meeresboden. Ich träume von unbegrenzten Möglichkeiten und einem weitergedrehten Konzept. Danke, Kindermuseum.

 

 

 

Links vom, ähem, hüstel, Februar

Die Internet-Zeit bleibt knapp, vor allem, seit mein Kind zum Laptop-Jäger geworden ist. Dennoch: Hier ein paar Links der letzten Wochen:

Jedes Jahr gibt es rund um den 13. Februar unschöne Bilder aus Dresden – die Erinnerung an die Bombardierung der Stadt wird von allerlei Mythen begleitet und von rechten Gruppen missbraucht. Deshalb bin ich einmal mehr stolz auf meinen Bruder, der als Historiker für das ZDF gearbeitet und in einem Live-Video fragen dazu beantwortet hat. So könnte auch Geschichtsunterricht in Schulen zu solchen Themen aussehen! Das Video könnt ihr nachträglich hier anschauen.

Ziemlich häufig werde ich von Bekannten zu Details der Freiberuflichkeit befragt – eine etwas offiziellere Beratung könnt ihr bei mediafon erhalten. Übrigens endlich mal ein Projekt, wo die Probleme mit der Umsatzsteuer vernünftig erklärt werden; die meisten Interessenverbände gehen darauf gar nicht ein, weil wir Künstler*innen in der Regel sowieso nicht genug verdienen. Wer das verändern will, muss sich aber mit der Umsatzsteuer befassen!

Seit ich in Elternzeit bin, höre ich täglich stundenlang DeutschlandRadio Kultur – sehr mag ich hier die Serie „Wurfsendung“. Zu dieser gibt es jetzt einen Kurzfilmwettbewerb, und ich bin schon gespannt, was da zu sehen sein wird!

Und zu guter letzt: Letzte Woche durfte ich auf kleinerdrei über meine Erfahrungen mit der Arbeitsteilung in unserer Familie schreiben. Das viele gute Feedback auf den Artikel hat mich sehr gefreut und angespornt, öfter mal was zu schreiben. Danke!

 

Schule & Lernen. Ein ungleiches Paar.

@anorakkapuze wies mich unlängst auf diesen Tweet hin – ich sei Pädagogin, was ich also dazu sagen würde:

Puh, dachte ich, sagte ich. Dafür brauche ich ein wenig länger. Bloggen? Bloggen.

Zunächst einmal hätte ich als Schülerin überhaupt keine Lust gehabt, diesen Text auch nur zu lesen, er hätte mich tierisch genervt, evtl. (je nach Alter) beschämt, vielleicht hätte ich ihn als demütigend empfunden. Möglicherweise hätte ich mich auch gefreut, so einfach davonzukommen. Noch etwa 200 weitere Reaktionen sind denkbar.

Zum anderen ist es immer leicht, auf den Lehrkräften herumzuhacken, und in die Falle will ich nun auch nicht gleich mit Anlauf reinspringen. Wenn es Teil des Berufs ist, 30 Kinder dazu zu bringen, an ihre Hefte zu denken – hier endet meine Vorstellungskraft.

Spannend finde ich nun allerdings die Frage, die doch eigentlich in einer Schule Vorrang haben sollte: Was wird gelernt?

Vermutlich, dass ich weniger Stress habe, wenn ich an mein Heft denke, respektive: weniger Schuld, Scham, Ärger, Langeweile. Dass ich mich unter die Regel unterordnen sollte, dass das Mitbringen des Hefts meine Pflicht ist. Und dass ich mich der betreffenden Lehrkraft, die diese Regel hier verkörpert unterordnen sollte.

Nun bin ich in einer Hinsicht eine hoffnungslos faszinierte Person: Fasziniert vom menschlichen Gehirn und Körper, die so hingebungsvoll und genau alles speichern und lernen, was für das Leben des Organsimus relevant ist. Ich beobachte das gerade an meinem Kind: Wie es lernt zu klatschen, zu stehen, Laute zu bilden – alles Dinge, die ihm relevant erscheinen, um mit der Welt in Kontakt zu treten und sie zu erforschen. Lernen bedeutet hier ein ganz unmittelbares Bedürfnis, am Leben teilzunehmen. Das muss ihm keiner „aufgeben“. Wenn das später in der Schule nicht so praktiziert wird, dann wird es dadurch erst möglich, etwas zu vergessen.

Um das zu verdeutlichen: Lehne dich zurück und denke mal kurz darüber nach, wann du zuletzt etwas vergessen hast, was für dich persönlich oder existentiell wichtig war? Mir fällt da für mich nichts ein.

Klar, in meinem Kopf herrscht aktuell diese bräsige Eltern- und Stillzeit-Matsche: Gestern war ich fest davon überzeugt, es sei Dezember, ich habe den Pürierstab angeschmolzen und wie war das mit der Steuer..? Aber ich vergesse nicht, die Windeln zu waschen (Gestank, existentiell), auf welche Bücher ich mich freue, wenn ich wieder Freizeit habe (persönlich) und wie ich eine Mütze nähe (persönlich).

Nun wäre es einfach, sich zurückzulehnen und das Fazit zu ziehen, die Lehrkraft im obigen Fall verstehe es eben nicht, die Kinder für den Stoff zu begeistern. Oder sie dazu zu bringen, sie zu respektieren, denn auch damit hat eine gute Vorbereitung zu tun. (Und diese Vorbereitung ist verdammt nochmal die, das olle Heft einzustecken!)

Dieses Fazit finde ich unfair. Die Lehrkraft hat innerhalb des existierenden Systems „Schule“ einen Weg der Bestrafung gewählt, der letztendlich dieses System außerordentlich gut reflektiert – ohne allerdings daraus die Konsequenz zu ziehen, mit den Kindern das System selbst in Frage zu stellen. Sie benutzt den Text sozusagen „systemstabilisierend“. Wer das System gut findet, muss sich nicht grundsätzlich aufregen.

Mein Problem mit dem System Schule – natürlich habe ich eins – ist eben diese Entkopplung von Lerninteresse und Lernbegriff. So funktionieren wir nicht. Fähigkeiten und Wissen, die wir konkret brauchen, eignen wir uns verblüffend schnell an. Menschen, die wir aufrichtig gern haben, hören wir zu. Dinge, die uns wichtig erscheinen, vergessen wir nicht.

Abschließend eine kleine Anekdote: Vor einigen Jahren arbeitete ich mit einem etwa 15-jährigen Schüler. So wie ich es erlebte, schienen sämtliche Lehrkräfte, seine Eltern und er selbst der Meinung zu sein, dass er „nicht gerne lerne“. Die Noten waren dementsprechend. Er erzählte mir dazu, dass sein Vater ihm nach einer schlechten Note immer das Internet sperre. Ich fragte ihn, was er dann mache? Die Antwort war lässig: „Na ich konfiguriere den Router neu.“ First things first.

Es heißt, man lerne nicht für die Schule, sondern für’s Leben. Für das Gehirn gilt das. Für die Schule leider nicht.

 

 

Links vom Januar

Hallo 2017!

So langsam beginne ich, meine Fühler wieder in Richtung Arbeit auszustrecken.

Und ich sammle Ideen. In der Elternzeit habe ich angefangen, eine ganze Menge Blogs zu entdecken. Und mich zugleich zu fragen, was ich mit diesem Blog noch so alles anfangen könnte. Vermutlich wird es sich schrittweise erweitern – und ich werde über alles schreiben, was die gute    Solveig van der Hoffmann interessiert. Dazu gehören auch Dinge, die ich woanders entdeckt habe, und vielleicht schaffe ich es ja, monatlich ein paar Links zusammenzufassen? Hier sind die vom Januar:

Vor einiger Zeit ging dieser offene Brief des Conne Islands durch die Presse. In vielerlei Hinsicht    kritikwürdig, aber allein damit wird man dem Thema nicht gerecht. Klar ist: Aufgrund äußerlicher Merkmale auf das Verhalten von Partygästen zu schließen, bedeutet einfach, auf der Grundlage von Vorurteilen und gegebenenfalls rassistisch zu handeln. Klar ist auch: Wer sexistisch übergriffig handelt, sollte eine deutliche Konsequenz spüren, aus einem Club definitiv rausfliegen. Da sind mir äußerliche Merkmale dann herzlich egal. Und dann bleibt da aber die Frage: Was unterscheidet denn einen weißen übergriffigen jungen Mann, aufgewachsen in Leipzig-Wahren, von einem gleichaltrigen Geflüchteten? Möglicherweise die Erfahrung, überhaupt über Sex zu sprechen, Antworten auf Fragen und ein Feedback zu eigenen Strategien zu erhalten. Möglicherweise auch einfach das Wissen aus dem hiesigen Lehrplan, das zwar auch an vielen Schülern nur vorbeirattert, während sie über die Banane und das Kondom kichern, aber immerhin. Diesen Artikel dazu fand ich sehr ehrlich: Worüber ich rede, wenn ich über Sex rede. Vielleicht wären ja regelmäßige sexualpädagogische Workshops im Conne Island ein echter Gewinn für Club und Stadt?

(Übrigens habe ich den Link nach dem Lesen nicht sofort gespeichert und musste lange googlen, bis ich ich wieder fündig wurde. Die erfolgsgekrönte  Suchanfrage lautete: „die am lautesten ficki-ficki schreien, bringen später blumen“. Die einzige Suchanfrage ohne „besorgte Bürger“. Das nur am Rande.)

Und nochmal Migranten: Diese gründen häufig Unternehmen, werden aber vielfach schlecht unterstützt. #kopftisch

Leipziger Kulturpolitik: Am 1. Februar wird ein Antrag in den Stadtrat eingebracht, bei dem es darum geht, einen bestimmten prozentualen Anteil des Kulturetats der freien Szene für die Projektförderung zu reservieren – in Abgrenzung zur institutionellen Förderung. Gut gemeint, allerdings ist die Unterscheidung von Projekt- und institutioneller Förderung aktuell dermaßen undurchsichtig, die Statistik dermaßen verfälscht und so wenig aussagekräftig, dass der Antrag in der jetzigen Form keinen Sinn macht. So werden z.B. Institutionen gefördert, die einen Großteil der Förderung an Projekte weitergegeben werden; und das eine oder andere „Projekt“ erhält Jahr um Jahr dieselbe Förderung, die letztendlich die Institution unterstützen dürfte. Wer sich den Antrag anschauen möchte, der kann das hier tun.

Das neue Jahr beginnt, wie es geendet hat – z.B. mit einer mal wieder unsäglichen Rede von Björn Höcke, der vielen nun einmal mehr die Timelines und den Glauben an die wirkliche Welt versaut. Wie mit seinen Äußerungen und den sich anschließenden Diskussionen mit Kolleg*innen, Familie etc. umgehen? Eine Argumentationshilfe bietet dieses Projekt, das ich nicht nur empfehle, weil mein Bruder dahintersteckt, sondern auch, weil es wirklich praktisch gedacht ist. Von Historiker*innen zusammengestellte Fakten auf wenigen Zeilen. Bäm, Kommentarspalten!

Und zum Abschluss noch was Feines: Schöne Desktophintergründe!

 

 

2016

…ist fast geschafft.

Für mich hielt es eine wichtige Lektion bereit: Du kannst viel planen – aber dein Leben kann alle Pläne wieder einkassieren. Wenn die Gesundheit nicht mitspielt, dann machst du keine Kulturpolitik, kommst nicht mehr ins Bienenland und meldest dich nicht mehr bei deinen Kolleg*innen. Und wenn es dann besser geht, dann sortierst du, was wie wichtig ist, und fängst von vorne an.

Und noch etwas habe ich gelernt, und zwar von meinem wunderbaren kleinen Sohn: Du kannst ganz viel wollen und schreien und kämpfen und dir den Kopf stoßen, um es zu erreichen – und doch innen drin ganz weich bleiben. Und das ist wunderschön.

Also hoffe ich, dass dieses stürmische Jahr nun ruhig zuende geht, dass Paul MacCartney den morgigen Tag überlebt, und dass auf uns alle ein friedlicheres 2017 wartet. Und schließe mit einem Lied, dass mich an den Sommer erinnert, und an ein paar sehr euphorische Momente. Macht’s gut!

gut sein/gut sein lassen

Ich persönlich interessiere mich nicht so für Terrorismus.

Klar, es könnte passieren, dass ich einem Anschlag zum Opfer falle. Oder dass ich von einem Auto erwischt werde. Dass mir der Himmel auf den Kopf fällt. Dann ist es passiert. Jeden Tag angstvoll den Himmel anstarren werde ich deshalb nicht.

Eine gute Woche liegt der Anschlag vor Berlin nun zurück, inzwischen wurde Weihnachten gefeiert, ich habe gut gegessen, wurde viel zu reich beschenkt und bin einigermaßen über die Ermittlungen und zahlreiche neue (?), gute (??), sehr wichtige (???) Ideen der großen Parteien informiert. Aber das Thema Terrorismus interessiert mich immernoch nicht. Und ich habe auch keine Lust, mich über einen Nachrichtenstrudel dort hineinzusteigern.

Was mich interessiert, das ist Gewalt, in all ihren Ausprägungen – persönlich, gesellschaftlich, zwischen verschiedenen Gruppen, gegenüber einzelnen Menschen. Was mich vor allem interessiert, ist Empathielosigkeit. Das Fehlen der Fähigkeit, mitzufühlen, einen anderen Standpunkt zu erkunden und anzuerkennen, des Wunsches, mit dem Gegenüber fair und anständig umzugehen. Denn in erster Linie ist doch nur eins klar: Dass mir die Opfer und die Angehörigen der Opfer aller terroristischen Anschläge, aber auch anderer Gewalttaten (ob nun kriegerisch oder strukturell oder sonstwie) einfach leid tun. Dass ich das keinem wünsche. Und dass ich ihnen jede Hilfe gönne.

Und so einfach darf es scheinbar nicht sein. Jede neue Nachricht in Verbindung mit dem Berliner Anschlag ist verbunden mit dem Krieg der Timelines. Jede*r findet Fakten, die das eigene Weltbild bestätigen. An den Anschlag in XY denkt wieder niemand – Warum war der Täter noch nicht abgeschoben? – Aber radikalisiert hat er sich doch in Italien – und und und. Manche Meinungen stehen mir näher, manche finde ich persönlich ganz schrecklich. In der Gesamtheit erinnert mich das alles an erbitterte Streitereinen unter Pubertierenden, die letztendlich doch nur ihre eigene Persönlichkeit verteidigen. Leider um den Preis eines politischen Dialogs, der mittlerweile, mit Verlaub, unter aller Sau abläuft.

Ich weiß nicht, ob ich das kann, aber ich möchte gerne: an das Gute im Menschen glauben. Glauben, dass auch jemand mit völlig entgegengesetzten Positionen es grundsätzlich gut mit den Menschen meint. Oder wenigstens mal gemeint hat. (Ich weiß, das ist hart.) Dass ein großes Stück mehr Offenheit und Dialog uns aus dieser quälenden Rechthaberei befreien könnte, die unsere Gesellschaft befallen hat und seither vom Stammtisch übers Fernsehen und Internet in alle Bereiche des Lebens zu wuchern scheint.

Es ist sehr gefährlich, sich selbst für einen guten Menschen zu halten. Es trübt den Blick für die eigenen Schwächen.Vielleicht sollten wir es damit einfach mal gut sein lassen.

Ich vermisse. Nicht.

Neulich hörte ich mich sagen:

„Ehrlich gesagt vermisse ich meine Arbeit null.“

Und dann war ich einen Moment ganz still, weil mich dieser Satz selbst so überraschte.

Ich gehöre definitiv zu den Selbstverwirklicherinnen, die in ihrer Arbeit immer Sinn, persönliche Entwicklung und Bestätigung gesucht haben. Anders kann ich die Arbeit als Freiberuflerin auch nicht vor mir rechtfertigen, verstößt sie doch gegen eine ganze Menge soziale Standards, die ich eigentlich eingehalten wissen möchte. Und tatsächlich gehören zu meiner Arbeit einige Projekte, die mir all das gegeben haben.

Und natürlich weiß ich noch nicht, wie sich die Elternzeit in drei Monaten anfühlen wird. Und denke auch manchmal mit Schrecken daran, wie ich mein Arbeitsleben ab 2017 organisieren soll, wie schwierig das Zeitmanagement wird, und was ich alles so bald nicht wieder werde machen können.

Vor Jahren las ich Bascha Mikas Buch „Die Feigheit der Frauen“, las vom Vorschieben des Privatlebens, vom HIntenanstellen der Karierre vieler Frauen, und es erschien mir sehr einleuchtend. Mir würde das nicht passieren, ich würde meine beruflichen Interessen nicht hinter meinen privaten einordnen!

Schon lange weiß ich, dass ich so nicht bin, und mein Kind bestätigt mich darin einmal mehr. Und mehr noch: Ich finde, dass Bascha Mika einen wichtigen Punkt verdreht, oder besser: Einen verdrehten Punkt nicht zurückdreht (Kann man einen Punkt überhaupt verdrehen? Egal, Punkt vor Strich, mit einem Flachwitz aus der Affäre gezogen.)

Möglicherweise liegt der Fehler vieler Frauen nicht darin, ihr berufliches Streben dem Privatleben unterzuordnen, sondern vielmehr darin, nicht wütend zu thematisieren, dass das Privatleben offenbar untergeordnet werden soll, wenn sie Erfolg haben wollen. Und wieso zum Teufel sollte sich irgendjemand zwischen Beruflichem und Privatem entscheiden WOLLEN? Männer wie Frauen wollen wohl beides?

Und ich genieße jetzt eben mal mein Privatleben:
Ich habe seit Monaten nicht mehr gedoodlet.
Die Rede von Carolin Emcke habe ich nicht hastig in einzelnen Zitaten überflogen, sondern ganz gehört.
Und ich bin jeden Tag im Hellen draußen.

Und dann habe ich auch noch ein Kind, und das ist sehr unterhaltsam.

So. Es ist 20:19 Uhr. Wer heute „noch was machen muss“, darf mich jetzt eine Runde beneiden.

Hausfrau und Mutter. WTF.

Telefonat mit meinem Vater.
„Und du bist jetzt also Hausfrau und Mutter…“
Ich stammele etwas von wegen Elternzeit und eher wenig putzen und versuchen, viel auszuruhen, weil ein Baby ganz schön anstrengend ist.
Mannomann.

Aber es stimmt natürlich: In den letzten Monaten habe ich hier nichts veröffentlicht, weil sich mein Lebensmittelpunkt weit verlagert hat. Ich arbeite hart. Aber nicht in meinem Beruf.

Ein Aspekt der Elternzeit, über den eher selten gesprochen wird, ist allerdings beruflich und persönlich sehr schön: Ich gewinne Abstand zu meinem früheren Alltag. Meine Arbeit scheint mir eine Zwiebel zu sein, und zwar eine, die schon ein Weilchen in einer dunklen Ecke der Küche rumliegt (Elternzeit, keine Haushaltszeit…). Mit jedem Tag blättern gefühlt einige vertrocknete Schichten ab: Was bin ich gerannt, was habe ich alles gemacht, für die paar Kröten… und was davon war mir wirklich so wichtig? Erschien mir sinnvoll? Hat mir Spaß gemacht? Und was könnte ich noch alles machen, wozu ich nie gekommen bin?

Wie möchte ich irgendwann mal gelebt und gearbeitet haben?

Denn wie das Känguru so schön bemerkte: Ich habe noch nie von einem Menschen gehört, der auf dem Sterbebett gesagt hätte „Ich wünschte, ich hätte mehr gearbeitet“.

Ich denke also nach. Anstatt Hausfrau zu sein. Mal sehen, wo das hinführt.