Ich vermisse. Nicht.

Neulich hörte ich mich sagen:

„Ehrlich gesagt vermisse ich meine Arbeit null.“

Und dann war ich einen Moment ganz still, weil mich dieser Satz selbst so überraschte.

Ich gehöre definitiv zu den Selbstverwirklicherinnen, die in ihrer Arbeit immer Sinn, persönliche Entwicklung und Bestätigung gesucht haben. Anders kann ich die Arbeit als Freiberuflerin auch nicht vor mir rechtfertigen, verstößt sie doch gegen eine ganze Menge soziale Standards, die ich eigentlich eingehalten wissen möchte. Und tatsächlich gehören zu meiner Arbeit einige Projekte, die mir all das gegeben haben.

Und natürlich weiß ich noch nicht, wie sich die Elternzeit in drei Monaten anfühlen wird. Und denke auch manchmal mit Schrecken daran, wie ich mein Arbeitsleben ab 2017 organisieren soll, wie schwierig das Zeitmanagement wird, und was ich alles so bald nicht wieder werde machen können.

Vor Jahren las ich Bascha Mikas Buch „Die Feigheit der Frauen“, las vom Vorschieben des Privatlebens, vom HIntenanstellen der Karierre vieler Frauen, und es erschien mir sehr einleuchtend. Mir würde das nicht passieren, ich würde meine beruflichen Interessen nicht hinter meinen privaten einordnen!

Schon lange weiß ich, dass ich so nicht bin, und mein Kind bestätigt mich darin einmal mehr. Und mehr noch: Ich finde, dass Bascha Mika einen wichtigen Punkt verdreht, oder besser: Einen verdrehten Punkt nicht zurückdreht (Kann man einen Punkt überhaupt verdrehen? Egal, Punkt vor Strich, mit einem Flachwitz aus der Affäre gezogen.)

Möglicherweise liegt der Fehler vieler Frauen nicht darin, ihr berufliches Streben dem Privatleben unterzuordnen, sondern vielmehr darin, nicht wütend zu thematisieren, dass das Privatleben offenbar untergeordnet werden soll, wenn sie Erfolg haben wollen. Und wieso zum Teufel sollte sich irgendjemand zwischen Beruflichem und Privatem entscheiden WOLLEN? Männer wie Frauen wollen wohl beides?

Und ich genieße jetzt eben mal mein Privatleben:
Ich habe seit Monaten nicht mehr gedoodlet.
Die von Carolin Emcke habe ich nicht hastig in einzelnen Zitaten überflogen, sondern ganz gehört.
Und ich bin jeden Tag im Hellen draußen.

Und dann habe ich auch noch ein Kind, und das ist sehr unterhaltsam.

So. Es ist 20:19 Uhr. Wer heute „noch was machen muss“, darf mich jetzt eine Runde beneiden.

Hausfrau und Mutter. WTF.

Telefonat mit meinem Vater.
„Und du bist jetzt also Hausfrau und Mutter…“
Ich stammele etwas von wegen Elternzeit und eher wenig putzen und versuchen, viel auszuruhen, weil ein Baby ganz schön anstrengend ist.
Mannomann.

Aber es stimmt natürlich: In den letzten Monaten habe ich hier nichts veröffentlicht, weil sich mein Lebensmittelpunkt weit verlagert hat. Ich arbeite hart. Aber nicht in meinem Beruf.

Ein Aspekt der Elternzeit, über den eher selten gesprochen wird, ist allerdings beruflich und persönlich sehr schön: Ich gewinne Abstand zu meinem früheren Alltag. Meine Arbeit scheint mir eine Zwiebel zu sein, und zwar eine, die schon ein Weilchen in einer dunklen Ecke der Küche rumliegt (Elternzeit, keine Haushaltszeit…). Mit jedem Tag blättern gefühlt einige vertrocknete Schichten ab: Was bin ich gerannt, was habe ich alles gemacht, für die paar Kröten… und was davon war mir wirklich so wichtig? Erschien mir sinnvoll? Hat mir Spaß gemacht? Und was könnte ich noch alles machen, wozu ich nie gekommen bin?

Wie möchte ich irgendwann mal gelebt und gearbeitet haben?

Denn wie das Känguru so schön bemerkte: Ich habe noch nie von einem Menschen gehört, der auf dem Sterbebett gesagt hätte „Ich wünschte, ich hätte mehr gearbeitet“.

Ich denke also nach. Anstatt Hausfrau zu sein. Mal sehen, wo das hinführt.

Kleine Theaterbeschimpfung

Die Kulturfritzen – Projektbüro für kulturelle Angelegenheiten im sozialen Netz – haben unter #theaterimnetz zur Blogparade aufgerufen, und kurz vor Schluss habe ich es auch mitbekommen; schon allein das zeigt, wie schlecht vernetzt die Theaterszene vor allem auf Twitter ist. Nun denn, die Diskussion, die ich hier nachlesen konnte, hat mich gleich beschäftigt, hier also mein Beitrag inklusive kleiner Theaterbeschimpfung.

Ich bin weiß, Akademikerin und lebe in der Stadt. Von klein auf sind meine Eltern mit mir ins Theater gegangen, haben Konzerte mit mir besucht und mich zu Kunstkursen angemeldet. Letztendlich bin ich selbst in einem Theaterberuf gelandet. Und noch nicht einmal ich interessiere mich für das, was ich in der Regel auf den offiziellen Theateraccounts lesen kann.

Was mich weitaus mehr interessiert, sind die Theatermenschen, mit denen ich über soziale Netzwerke in Kontakt treten und bleiben kann. Hier höre ich Geschichten, hier werden Erfahrungen geteilt und Meinungen gepostet. Hier findet auch Interaktion statt. Ein Beispiel: Shermin Langhoff äußert sich auf Facebook oftmals politisch und macht deutlich, dass das, was sie da postet, ihr auch wirklich wichtig ist. Viel spannender, als eine Spielplaninformation oder ein Foto von niedlichen Kindern im Weihnachtsmärchen, die nicht ahnen, dass sie gerade ein Marketingkonzept darstellen.

Soviel zu meinem persönlichen Zugang zum Thema. Ich bin aber nicht unbedingt repräsentativ für eine Masse. Klar, im Internet findet jede_r eine Nische, aber kann es eigentlich das Ziel kultureller Arbeit sein, eine Nische für weiße Akademiker_innen zu bilden? Oder anders gefragt: Zeigt sich online nicht einfach nur ein weiteres Mal, wer auch offline NICHT kommt?

Es reicht nicht, eine Dramaturgin, die noch zahlreiche andere Aufgaben hat, dazu zu verdonnern, dreimal pro Woche etwas zu posten. Gerade die Kulturinstitutionen und Theaterschaffenden müssen sich auch dazu befragen, mit wem sie überhaupt reden wollen. Offline, online, vor allem aber direkt und aufrichtig interessiert. Und wenn man sich dafür entscheidet, in einer elitären Nische zu bleiben, dann erreicht man vermutlich eben einfach keine hohen Followerzahlen. Auch das kann eine Entscheidung sein.

Es geht nicht um den Kontakt von Theater und digitaler Welt. Sondern ganz schlicht um: Theater und Welt.

Und deshalb greift auch die Frage nach neuen Konzepten für Digitales in den Inszenierungen/im Theaterraum m.E. zu kurz. Klar, da kann man noch viel machen. Ich arbeite selbst „teilberuflich“ als Autorin für transmediales Erzählen, insofern bin ich mir sicher, dass hier noch viel möglich ist und dass man alles ausprobieren sollte.

Das wird dann interessant – zumindest für mich. Aber es wird nicht reichen. Was ich mir wirklich wünsche, das ist ein viel weiterer Theaterbegriff, als ich ihn in vielen Debatten wahrnehmen kann. Ich wünsche mir neue Formen, veränderte Formen, uralte Formen, die in erster Linie darauf zielen, auf irgendeine Weise zu kommunizieren – und nicht nur mit denen, die ich schon kenne. Es geht nicht nur darum, zu lernen, online zu kommunizieren, auch offline müssen wir uns da immer wieder überdenken! Klar, ich persönlich schaue mir auch mal gerne eine Drameninszenierung an. Meine gesellschaftlichen Sehnsüchte und meine Neugierde befriedigt diese aber nur selten. Und ich bin mir sicher: Das hergebrachte Bühnengeschehen, wie ich es seit Schulzeiten kennengelernt habe, ist nur ein kleiner Teil der Theatergeschichte, der Theaterwelt. Und sehr viele Menschen interessieren sich – folgerichtig – überhaupt nicht dafür.

Deshalb folgt hier wie angekündigt die kleine Theaterbeschimpfung:

Theater, kriegt eure Aersche hoch und kommuniziert mit den Menschen, denen ihr am Arsch vorbei geht! Offline, online und überall dazwischen.

 

PS: In diesem Text habe ich nur vage angedeutet, was ich selbst beruflich mache. Vermutlich würden viele Kolleg_innen fragen: Ist das ein Theaterberuf? Ist das hier überhaupt ein Theaterblog? Manchmal nenne ich Dinge, die ich tue, einfach „Begegnungsdesign“. Ist das für euch Theater? Wie seht ihr das? Ich freue mich über Diskussionen.

Endlich: NETZWERKTREFFEN KUNST, KULTUR UND INTEGRATION

Es gibt in Leipzig (inzwischen) viele viele Künstler_innen und Kulturpädagog_innen, die sich mit Geflüchteten beschäftigen oder dies angesichts der aktuellen Debatte planen. Ideen und Anträge purzeln sozusagen um die Wette, und oft erfährt man erst viel zu spät von den Erfahrungen und Möglichkeiten des anderen. Gefühlt treffe ich seit ca. einem Jahr fast wöchentlich einen engagierten Menschen, der mir erzählt, jetzt mal eine Plattform zu schaffen/ein Treffen zu organisieren, bei dem „das alles vernetzt wird“. Am besten auch noch mit all den anderen ehrenamtlichen Projekten, sozialen Hilfen und kirchlichen Angeboten. Eine durchschlagende Wirkung hat von diesen Menschen in meiner Wahrnehmung noch niemand erzielt, wobei ich ihr Engagement sehr respektiere: Der Bedarf ist da, und es ist keine leichte Aufgabe, eine unüberschaubare Zahl nicht oder sehr verschieden organisierter Menschen an einen Tisch zu bringen.

Nun hat das LOFFT zum NETZWERKTREFFEN KUNST, KULTUR UND INTEGRATION eingeladen – nach langer Überlegung, was man im eigenen Theater angesichts der Debatte um Geflüchtete wirklich tun könne. Dass so lange überlegt wurde und nicht Hals über Kopf ein gut gemeintes Projekt angezettelt wurde, ist mir sympathisch. Denn wie gesagt: Ein solches Netzwerktreffen war überfällig. Und Ehrenamtler_innen/einzelne Akteure haben nunmal nicht die Ressourcen so breit einzuladen, wie eine Institution. Insofern wurde auf einen reellen Bedarf eingegangen.

Das wurde auch insofern schnell sichtbar, als es wirklich voll war – ca. 70 Personen – und dass auch nach Ende der Veranstaltung noch lange geredet wurde. Zum Glück beschränkte sich das Arbeiten nicht auf eine 2-stündige Vorstellungsrunde; stattdessen wurde klar strukturiert zu bestimmten Themen diskutiert. Und so entstand, was bei einer ersten Veranstaltung dieser Art entstehen muss: Ein weiter Überblick über ganz verschiedene Themen und Fragen, etwa zu den Zielen und Motivationen der Kulturschaffenden sich mit Geflüchteten zu beschäftigen, oder auch zu den ganz realen Problemen, die dabei auftauchen. Vieles ging mir persönlich nicht tief genug, aber das liegt wohl in der Natur eines ersten Treffens. Schade auch, dass mir kaum Vertreter_innen der großen städtischen Kultureinrichtungen über den Weg liefen – schließlich hätten gerade diese die Ressourcen, größere Projekte anzugehen. Und überhaupt: Warum musste dieses überfällige Netzwerktreffen mit dem LOFFT überhaupt von einem Vertreter der freien Szene gestemmt werden? Wäre das nicht eine wunderbare Aufgabe für das Kulturamt gewesen, das doch ein Interesse daran haben muss, all die Inititativen zu vernetzen und selbst einen Überblick zu erhalten? Zumal ein Förderschwerpunkt für das Jahr 2016 doch Inklusion und Migration heißt…

Am Ende des Abends stand eine große Aufzählung von Themen, Problemen, Fragen und Ideen. Die meisten betrafen all die vielen Probleme, die in der Arbeit mit Geflüchteten immer wieder auftauchen und um die man nicht herumkommt; letztlich existentielle Fragen um Politik, aber auch Lebenssicherung, Umgang mit Sprachproblemen, mit Traumata. Praktische Probleme, die riesengroß sind.

Was nun meines Erachtens ganz dringend diskutiert werden muss: Was ist unsere Rolle als Kulturschaffende in diesem Wust aus Fragen und Problemen? Sollten wir jetzt die besseren Sozialarbeiter_innen werden und nur ab und an ein paar Malstifte rauslegen? Oder rigoros die Loop-Station rausholen, auch wenn keiner mitmachen will und die Interessen der Geflüchteten möglicherweise ganz woanders liegen? Was kann Kunst zu der Situation wie sie jetzt ist beitragen?

Und wie können wir den Geflüchteten selbst besser zuhören, sie einbeziehen, mit ihnen zusammenarbeiten?

Eine Antwort darauf ist mir übrigens 2 Tage später über den Weg gelaufen. Lama Souissey hat schon oft für mich übersetzt: Im Bienenland, in der GfZK, im privaten Kontakt. Sie übersetzt für wahnsinnig viele Menschen in Leipzig, aber – sie studiert auch Illustration an der HGB. In ihrem Buch „Abud. Der Friseur (ohne Ausbildung)“ hat sie einen sehr einfachen und wunderschönen Weg gefunden, aus all dem, was sie in der Torgauer Straße gehört hat, Kunst zu machen. Sie hat einfach erzählt, was ihr erzählt wurde und was sie gesehen hat. Auf ihre eigene, persönliche Weise.

Vielleicht sollten wir damit erstmal anfangen?

IMG_20160125_223658323

 

Ehrenamtliche Helfer_innen gesucht!

***kulturpädagogische Arbeit mit geflüchteten Kindern***
Das Angebot
Jeden Dienstag treffen sich in den Atelierräumen der Initiative „Hildes Enkel“ Kinder, die entweder im Asylbewerberheim Torgauer Straße wohnen oder ehemals dort gewohnt haben. Gemeinsam gestalten wir unsere Zeit nach den Ideen der Kinder: basteln, malen, spielen, verkleiden uns oder bauen etwas. Die Erwachsenen sind in diesem Prozess unterstützende Möglichmacher_innen, gehen auf die Ideen der Kinder ein. Probleme in der Gruppe werden möglichst gemeinsam gelöst, dabei können im gemeinsamen Prozess auch unkonventionelle Lösungen gefunden werden. Für diesen Raum gibt es einen Namen: Das Bienenland.
Die Arbeit
Das Angebot umfasst nach Absprache die Abholung der Kinder in der Torgauer Straße, die gemeinsame Gestaltung des Nachmittags und das Zurückbringen der Kinder. Wichtig sind eine grundsätzliche Offenheit im Umgang mit
Menschen und neuen Situationen und Geduld und Kreativität bei Übersetzungsprozessen.
Organisatorisches
Das Angebot findet immer dienstags nachmittags statt:
14:30 Uhr Abholung Torgauer Straße
15-17 Uhr Angebot im Atelier „Hildes Enkel“, Hildegardstraße 49
Danach Zurückbringen der Kinder.
Einmal im Monat gibt es zudem ein Treffen aller ehrenamtlichen Helfer_innen, um aktuelle Entwicklungen, Erfahrungen und Probleme zu besprechen.
Wer/Was steht dahinter?
Das Bienenland ist aus dem Projekt „Wo die wilden Bienen wohnen“ hervorgegangen, dass 1,5 Jahre von mehreren Trägern unter Leitung/nach einer Idee der Künstlergruppe „Performance-Firma Wessel&Hoffmann“ aufgebaut wurde. Mit dem Ende der Förderung soll nun für die bestehende Kindergruppe, aber auch für neu in der Torgauer Straße ankommende Kinder eine neue Struktur aufgebaut werden, die den regelmäßigen Termin und die gemeinsam
entwickelte Arbeitsweise weiter trägt. Das Bienenland wird betreut von den Theater-/Kulturpädagoginnen Katharina Wessel, Solveig Hoffmann und Bettina Salzhuber.
Interesse?
Wir freuen uns sehr über Menschen, die Lust haben, das Bienenland kennenzulernen und evtl. zu unterstützen.
Kontakt: solveig.hoffmann@gmail.com
Ein Infotreffen für alle Interessierten gibt es am 7.2.2016 um 15 Uhr im Atelierraum „Hildes Enkel, Hildegardstraße 49. Wir freuen uns über eine kurze Voranmeldung.

2016

Eigentlich habe ich 2016 gar nicht viel Zeit zum arbeiten.
Oder ich arbeite und mein Baby arbeitet mit?

Jedenfalls gibt es irgendwie trotzdem einiges zu tun!
Hier die Projekte, die ich 2016 angehen werde oder möchte:

Pssst… Hä? SPLITTER! – Wege ins Theater

Meine Bürogemeinschaft, das Kultur- und Produktionsbüro Blühende Landschaften hat dieses Projekt zusammen mit dem Theater der Jungen Welt, dem Kinderbüro und der Nathanaelkirchgemeinde entwickelt. Geflüchtete und nicht geflüchtete Kinder werden in Lindenau die Frage nach ihrer Teilhabe am schönen Leben und den dabei entstehenden Barierren stellen. Auch nach den Barierren, die sich vor den weltoffenen Kulturbetrieben zeigen! Ich bin gespannt, ob es dabei wirklich splittert…

Gefördert im Programm „Wege ins Theater“ der assitej

Das Bienenland

…wird nicht mehr gefördert. Ob ein Land aufhört zu existieren, wenn man ihm den Geldhahn abdreht, muss sich indes noch herausstellen! (Mit Blick auf die Auswirkungen der Finanzkrise ist das wohl in größerem Rahmen ebenfalls interessant…) Jedenfalls möchten wir die Gelegenheit im Bienenland zu sein und das Bienenland weiterzuentwickeln erhalten, und zwar über eine ehrenamtliche Gruppe. Um diese Gruppe ordentlich zu betreuen und nicht einmal mehr in der Selbstausbeutung zu landen, bzw. andere hineinzuziehen, arbeiten wir aktuell an Konzept und Förderung. es wird also Neuigkeiten geben!

Mit im Boot ist übrigens die Ateliergemeinschaft Hildes Enkel.

Die mittelsächsischen Schülertheatertage

werden auch 2016 wieder in Freiberg und Döbeln stattfinden. Julia Schlesinger und ich bereiten diese vor, erstellen ein Workshop-Programm, beraten die teilnehmenden Gruppen und geben Feedback zu den Aufführungen.

Gefördert vom Kulturraum Erzgebirge

Thadeus Roth

…erstellt transmediale Erlebnisgeschichten für Einzelkunden und größere Partner wie z.B. die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten. Wer uns auf Facebook folgt, kann außerdem jede Woche kleine Rätsel knacken: Die schreibe ich. Rätselt gerne mit! Thadeus Roth auf Facebook

Kulturpolitik

Seit einem Jahr besteht das Theater Frauen Netzwerk Leipzig, und wir haben in der kurzen Zeit einiges erreicht: Uns mit PolitikerInnen und Gleichstellungsbeauftragten auf kommunaler, Landes- und Bundesebene getroffen, eine Umfrage erstellt und auch ganz praktisch vom Austausch untereinander profitiert. Dementsprechend möchte ich diese arbeit weitertreiben. Besonders gespannt bin ich auf die Ergebnisse unserer Umfrage.

Die Initiative Leipzig + Kultur versucht, die vielfältigen Interessen der freien Kultursschaffenden in Leipzig gegenüber der Stadt zu vertreten. Auch hier möchte ich mich in Zukunft engagieren. Leipzig + Kultur

Und all die künstlerischen Ideen, die noch in meinem Kopf umherschwirren?                                   

Vieles muss dann doch auf 2017 verschoben werden. Ich freue mich auf ein Jahr, in dem der Arbeitswahnsinn durch den Familienwahnsinn ergänzt wird!

 

 

 

Offener Brief des Bienenlands an Burkhard Jung

Von Staatschef zu Staatschef: Am Dienstag besuchte eine Delegation des Bienenlands die Kindersprechstunde des Chefs von Leipzig, Burkhard Jung. Mit dabei: Ein Brief voller Probleme, die aus Sicht des Bienenlands auf internationaler Ebene angegangen werden müssen. Herr Jung versprach Antwort, den kompletten Brief findet ihr unten. Die BienenbürgerInnen hatten indes auf ihrer Auslandsreise großen Spaß und freuen sich über weitere Begegnungen.

Lieber Herr Chef von Leipzig,

vielleicht wissen Sie das noch gar nicht, aber seit einem Jahr gibt es in Leipzig ein neues Land: Das Bienenland. Das Bienenland ist ein sehr kleines, aber freies und lustiges Land. Es hat ungefähr 40 BürgerInnen und residiert zur Zeit in einer Projektwohnung in der Hildegardstraße 49. Die BienenbürgerInnen kommen aus sehr vielen unterschiedlichen Ländern, zum Beispiel Syrien, Tschetschenien, dem Sudan, Irak, Deutschland uvm. Unsere Nationalspeise sind Honigwaffeln und unsere Nationalhymne heißt Coco Jambo. Wir lieben es Feste zu feiern und tun das auch, wann immer möglich. Wir treffen uns oft zu Versammlungen, bei denen viele Wort fallen. Gibt es in Ihrem Land Leipzig auch Versammlungen? Und was machen Sie, wenn diese Versammlungen langweilig sind?
Letzte Woche fanden in Bienenland Wahlen statt und wir haben eine Chefin für die Mädchen und einen Chef für die Jungen gewählt. Außerdem gibt es bei uns zwei Problemchefs. Die Problemchefs hören sich die Probleme der BienenbürgerInnen an und schreiben sie auf. Manche dieser Problem müssen wir dann in Bienenland besprechen, z.B:

„Jemand hat bei der Wahl gesagt, dass er mir viel Schmuck gibt, wenn ich seinen Namen auf den Wahlzettel schreibe.“
oder
„Ich habe ein Problem, weil jemand mich schlägt und sagt, dass ich dumm bin.“

Was machen Sie, wenn es in Leipzig Bestechungen gibt? Oder wenn sich Leute beschimpfen oder schlagen?

Manche Probleme haben aber auch nichts mit Bienenland zu tun und können deshalb auch nicht in Bienenland gelöst werden, z.B.

„Ich habe ein Problem mit meiner Mama. Warum kauft sie mir nicht ein neues Handy? Ich habe sie gebeten, dass sie mir ein neues Handy kauft.“

„Ich habe ein Problem mit allen Jungs in meiner Klasse. Wir sind zehn Jungs in der Klasse und nur 9 Mädchen. Das ist nicht gerecht.“

Gibt es in Leipzig auch einen Problemchef? Wenn ja, dann würden wir gerne mit dieser Person sprechen. Manchmal haben wir nämlich auch Probleme, für die der Leipziger Problemchef zuständig sein müsste:

„In Syrien war ich in der 7. Klasse und dann in Italien war ich in der 6. Klasse. Und jetzt bin ich in Deutschland gehe ich in die 4. Klasse. Dabei bin ich schon 12 Jahre alt. Wieso ist das so? In meiner Klasse sind alle viel jünger als ich, die interessieren sich nicht für die gleichen Sachen, wie ich. Wie soll ich da neue Freunde finden?“

„Ich möchte gerne in die Schule gehen. Ich gehe gern in die Schule.“

„In meiner Klasse gibt es keinen Sportunterricht. Ich will aber Sport machen, wie alle anderen.“ (hat sich erledigt)

„Ich möchte gerne ein schönes Zuhause. Ich möchte nicht mehr im Heim wohnen. Das Heim ist nicht gut. Wir waren schon in Dresden, alles war gut. (Naja, nicht alles: Wir hatten für alle Leute nur zwei Toiletten, eine für Mädchen und eine für Jungen.) Dann mussten wir nach Leipzig, aber keiner sagte uns, warum. Jetzt sind wir in einem Heim mit vielen Kakerlaken. Draußen ist es sehr kalt, deswegen sind jetzt alle Kalerlaken bei uns drin.“

Vielleicht haben Sie eine Idee, wie im Land Leipzig diese Probleme gelöst werden könnten?

Falls Sie mal in einem neuen Land leben müssen, können Sie gerne nach Bienenland kommen. Bei uns ist jeder willkommen und wer Bürger von Bienenland werden will, kann sich selber einen Pass basteln.

Mit freundlichen Grüßen
Die BienenbürgerInnen

http://vanderhoffmann.de/wp/wp-content/uploads/2015/05/logos_querformat_sw.jpg

Theater Frauen Netzwerk Leipzig – viel Austausch und eine Umfrage

Seit einigen Monaten gibt es ein regelmäßiges Treffen einiger Frauen aus Leipzig, die Theaterberufe ausüben und sich austauschen: Das Theater Frauen Netzwerk Leipzig. Ulrike Bedrich und ich haben es gegründet, und es wurde rasch gemütlich: Nette Kolleginnen, viele Ideen, leckere Kekse – und ziemlich schnell auch einige vorsichtige Fragen:

  • Fühlen wir uns in unserem Job als Frauen überhaupt benachteiligt?
  • Sind nicht viele der Probleme, die wir bei unseren Arbeitsbedingungen wahrnehmen, allgemeine Probleme der Branche? Was davon betrifft uns als Frauen in besonderem Maße?
  • Und geht es darum bei einem solchen Netzwerktreffen eigentlich? Oder wollen wir eigentlich nur eines: netzwerken?

Fragen, die sicherlich auch von anderen Frauen und in anderen Branchen gestellt werden, und die leider oft in verhärtete Diskussionen führen. Man kann diese Fragen als unnötig abtun (und die von der Künstlersozialkasse ermittelten Einkommensunterschiede ignorieren), man kann auf Basis des persönlichen Erlebens argumentieren (und sich damit auf politischer Ebene lächerlich machen), man kann in vergeistigte Gefilde abheben (und über gegebenenfalls vorhandene Zustände einfach hinwegschweben anstatt etwas zu verändern). Es gibt wahrscheinlich noch viel mehr Strategien, sich Fragen der Gleichstellung zu entziehen, eine gute Zusammenstellung lässt sich etwa in den völlig abwegigen Sendungen von Plasberg zu diesem Thema beobachten.

Was im Theaterbereich einfach fehlt, ist eine Studie zu diesem Thema. Die Versuchung ist groß, an dieser Stelle zu den typischen Sexismen der Branche abzuschweifen, allein, es wird nicht helfen, denn sich darüber zu ärgern wird leider nicht ausreichen: Nicht um die obigen Fragen zu beantworten und schon gar nicht, um etwas zu verändern. Ich lebe in Sachsen, einem Bundesland, in dem aus der Regierung seit 1989/90 kein einziger Impuls zum Thema Gleichstellung erfolgt ist. Und wenn Kulturschaffende, ganz gleich um welche Fragen es geht, sich nicht von selbst einmischen, dann wird sich die Kulturpolitik selten in ihrem Sinne entwickeln. So funktioniert Interessenvertretung nicht.

Das Theater Frauen Netzwerk Leipzig hat deshalb eine eigene kleine Umfrage entwickelt. Wir sind keine Soziologinnen und wir haben diese für uns fachfremde Arbeit ehrenamtlich nebenher erledigt. Weil wir Antworten auf unsere Fragen brauchen, weil wir eigene Argumente entwickeln und vertreten können wollen. Gerne auch, um unsere Ergebnisse dafür einzusetzen, hinterher eine größere, bessere Studie anzuschieben. Bereits jetzt interessieren sich Menschen für diese Umfrage, die starke PartnerInnen werden könnten; z.B. die Bundestagsabgeordnete Dr. Eva Högl, mit der wir uns letzte Woche trafen. Und die sich all unsere Wünsche notiert hat.

Deshalb freuen wir uns, wenn ihr, liebe LeserInnen, mitmacht! Egal ob Mann/Frau/drittes Geschlecht, wenn ihr im Theaterbereich in Sachsen arbeitet, sind wir interessiert an euren Erfahrungen! (Wenn nicht, dann auch, allerdings nicht im Fragebogen…) Es geht uns um Geschlechtergerechtigkeit in jeglicher Hinsicht, also ist uns jede Position wichtig. Macht mit, verbreitet weiter, in Stadttheater wie in der freien Szene. Und wenn ihr mehr wissen wollt: Nächste Woche stellt Ulrike Bedrich die Umfrage im Rahmen einer Veranstaltung zur Situation der Frauen im Kulturbereich in der Stadtbibliothek Leipzig vor. Am 3.12.2015, 17-19 Uhr. Kommt vorbei!

Hier der Link zur Umfrage.

Jump and Run: freiberuflich Mutter werden

Es ist ruhig geworden auf dem Blog. Ich schreibe weniger. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Ich bin schwanger.

Das bedeutet nun mitnichten, dass ich meine Finger nicht mehr bewegen oder keinen klaren Gedanken mehr fassen könnte. Ich plane auch nicht, zum Mutti-Blog überzugehen. Vielmehr ist es so, dass Hirn und Hände damit beschäftigt sind, die Veränderungen in meinem Leben zu organisieren. Denn selbstständig und über die Künstlersozialkasse versichert schwanger zu sein bedeutet in erster Linie eines: Keiner weiß irgendetwas. Und die Verwaltungsgesellschaft schlägt mit Wonne zu.

„Ich bin Freiberuflerin, das heißt, ich bekomme kein regelmäßiges Gehalt vom Arbeitgeber, sondern…“ – diese Worte stammen nicht von mir, sondern von der Hebamme. Niedergelassene ÄrztInnen und Hebammen, alle sind sie selbstständig, aber jenseits der gesundheitlichen Ebene kommen wir nicht ins Gespräch. Schade, denn ÄrztInnen und Hebammen schreiben auch Millionen Ratgeber, in denen sich stets auch einige Seiten zu Elterngeld, gesetzlichen Fristen und Arbeitsrecht finden. Für Angestellte. Ich muss mich dann nochmal irgendwo genauer erkundigen.

Also Google. Viele Informationen, und immer der Hinweis: Lassen Sie sich nochmal persönlich beraten. Eines scheint sinnvoll zu sein: Eine gute Krankentagegeldversicherung, falls es gegen Ende doch beschwerlich wird. Diese Zusatzversicherung wollte ich sowieso schon länger abschließen. Also auf zu meiner Krankenkasse, der BARMER. Die bewirbt ihr Programm für „Künstler und Publizisten“ auf der bundesweiten Homepage – hat es aber in den letzten 2 1/2 Monaten nicht geschafft, das entsprechende Formular für mich zu finden.

Mein Freund ruft bei der Stadt an: Wo können wir uns zum Elterngeld beraten lassen? Ja, da gibt es einen Termin im Dezember im Ratsplenarsaal, da können alle hinkommen, da wird das erklärt. Aus mehreren Veranstaltungen habe ich die Erfahrung mitgenommen, dass ich im Ratsplenarsaal der Stadt Leipzig selten etwas gehört habe, was ich noch nicht wusste. Ich recherchiere also erstmal selbst weiter. Eigentlich habe ich alles richtig gemacht: Schon ein paar Jahre gearbeitet, Berechnungsgrundlage ist das Einkommen des letzten Jahres, und da die Gründung schon eine Weile zurückliegt, ist das finanziell nicht viel, aber okay. Wenn ich dann allerdings wiederkomme, dann verdiene ich erstmal: Nichts. Schon Monate vorher müsste ich schließlich Anträge stellen, Aufträge aquirieren. Alles kein Problem, bis zu 30 Stunden darf ich mit Elterngeld unbezahlt arbeiten. Nur vage kann ich mir vorstellen, was mein Kind dazu sagen wird. Wie also deichseln wir das, dass mein Freund Elternzeit nehmen kann, ohne dass wir finanzielle Probleme kriegen?

Beruflich habe ich viel Kontakt zu Kindern mit schlechter gesundheitlicher Versorgung. Häufig an Orten mit eher mittelmäßigen hygienischen Möglichkeiten. Ich mag diese Arbeit und vor allem diese Kinder sehr, aber plötzlich stehe ich auch hier vor der Frage: Worauf muss ich achten? Was sollte ich nicht mehr machen? Lakonische Antwort meiner Ärztin: „Das muss Ihr Arbeitgeber entscheiden.“ Das bin ich. Ich entscheide also: Mehr Hände waschen, keine Einschränkungen. Und wünsche mir insgeheim, allwissend zu sein, einfach um allen gerecht werden zu können: meinem Kind, meinen besorgten Eltern, den Kindern, die nichts falsch gemacht haben, die nur selbst schlecht versorgt werden, den Kollegen, für die das eben doch abstrakter ist, als für mich.

Schließlich der Endgegner: Die KSK. Was muss ich bezüglich der Künstlersozialkasse beachten? Ich rufe einfach mal an, die KSK ist für ihren Telefonservice schließlich berühmt. Jede meiner Fragen ist dumm. Das Prozedere: Dass ich mein Jahreseinkommen 2016 so schätzen muss, als ob ich gar kein Kind bekommen würde. Und dann die Bescheinigung einreiche: Hoppla, da kommt ein Kind. Dann vorübergehend aus der KSK fliege und bei rechtzeitiger Rückmeldung problemlos wieder aufgenommen werde. (Sonst nicht!) Dieses Prozedere ist das einzig Vorstellbare. In meinem nächsten Leben werde ich Sachbearbeiterin bei der KSK. Denn dann weiß ich einfach mal, wie es läuft. Und alle anderen nicht.

„Wie lange möchten Sie noch arbeiten?“ – auch diese Frage stellt mir eine Hebamme. Ich freue mich darüber, und gleichzeitig klingt es doch nach Luxus. Durch die Schwangerschaft habe ich mir weniger aufgeladen. Ich kann keine Aufträge über die komplette Spielzeit durchführen. Die Wahrheit ist: Ich arbeite schon jetzt weniger, verdiene weniger. Trotzdem werde ich wohl so lange wie möglich Aufträge annehmen. Gerne (dass ich das mal sagen würde, hätte ich auch nicht gedacht) solche, die am Schreibtisch zu erledigen sind.

PS: Eigentlich wollte ich diesen Artikel schreiben, wenn ich all diese Fragen beantwortet habe. Das erscheint mir derzeit aber ein eher theoretischer Zustand zu sein. Wenn ihr mehr wisst oder ich Sachen falsch recherchiert habe: Schreibt mir, wie es geht!!!

PPS: Das ist ein einigermaßen beruflicher Blog. Trotzdem: Auf mein Kind freue ich mich sehr. Und es wird früh lernen, Anträge auszufüllen 😉

Freie KünstlerInnen: Vorreiter eines neoliberalen Systems?

„So kannst du nicht argumentieren!“
Letzter Abend des Bundeskongresses der freien Darstellenden Künste in Hamburg. Längst bin ich mit Freunden essen gegangen, drei Tage voller Diskussionen und Informationen rund um die Lobby-Arbeit der freien Szene liegen hinter mir. Und ich habe diese Tage genossen.

Es ist kein Geheimnis, dass die Bezahlung, ach was sag ich, schon die soziale Absicherung von freien Theaterschaffenden katastrophal ist. Zweifellos ist es wichtig und richtig, für faire Arbeitsbedingungen zu streiten, eben für die Themen, die auf dem Kongress besprochen wurden: Eine Honoraruntergrenze zum Beispiel. Sinnvolle Förderinstrumente und Qualitätskriterien. Und doch findet man den Teufel dann im Detail, und so sitze ich da mit meinen Freunden und argumentiere mich selbst ins Aus, in dem Versuch mein Unbehagen auszudrücken.

Denn was ist schon fair?
Ein fachfremdes Beispiel aus dem Bildungssektor wird gebracht: Von Doktoranden, die für 25 € pro Stunde unterrichten. Von studierten Lehrkräften ohne Promotion, die dann nur noch 23 € kriegen. Von Bachelors die sich über 20 € freuen dürfen. Und von Lehrkräften, die nicht mehr wiederkommen durften, weil sie keine Altersvorsorge bezahlen (konnten). KünstlerInnen sind beileibe nicht die einzigen, die schlecht bezahlt werden. Natürlich schreit das danach, sich zu wehren, zu verbünden. Und dann machen wir trotzdem unterfinanzierte Projekte. Kürzen bei uns selbst. Weil wir überhaupt etwas verdienen müssen. Aber auch, weil wir unser Projekt eben so gern umsetzen wollen.

Ich denke nicht, dass KünstlerInnen die einzigen sind, die für ihren Beruf brennen – das wäre völlig vermessen. Meine Achillesferse ist eher, dass ich das vage Gefühl habe, dass es Projekte gibt, die nicht (genug) gefördert werden, obwohl sie wichtig sind. Das ist dann eher die Frage, welchen Projekten Wert beigemessen wird. Und was hat „Wert“ mit „Fairness“ zu tun?

Ob ich mir nun Schuhe kaufe, ein Brot oder eine Theaterkarte: Die Wahrheit ist, dass ich den Wert all dessen überhaupt nicht in Geld einschätzen kann. Wenn ich privat den „angemessen“ teuren Biohonig kaufe, so bin ich für mein Projekt doch verpflichtet „sparsam“ zu kalkulieren, also den Billighonig von den Zuckerwasserbienen zu kaufen. Was meine Arbeit wert ist, kann ich höchstens anhand von Kategorien beziffern: Ausbildungsgrad. Nachfrage. Förderrichtlinien. Aber wenn ich mir den Zustand meines Büros an manchen Tagen anschauen, dann bin ich geneigt, den Wert einer Stunde Putzen sehr sehr hoch einzustufen, auch wenn ich dafür keinen Magisterabschluss brauche. Und deshalb habe ich kein persönliches, sicheres Gefühl dafür, was fair ist.

Und wenn ich nun für mein Kunstprojekt einen Förderantrag einreiche, dann entscheiden andere über dessen Wert, und das bedeutet eben, dass ich das Projekt verwirklichen kann, oder auch nicht. In meinem Kopf schätze ich Ideen inzwischen schon früh ein, wäge ab, ob sie „förderfähig“ sind, entscheide intuitiv, auf was ich meine Kraft verwende, und auf was nicht. Ob die Geldgeber in öffentlichen Häusern und privaten Stiftungen meinem Vorhaben, nun ja, Wert beimessen werden. Oder ob es sich nicht lohnt: Mich stundenlang hinzusetzen und die Anträge zu schreiben.

KünstlerInnen werden nicht nur VorreiterInnen eines neoliberalen Systems, wenn sie sich selbst und andere ausbeuten und für immer weniger Geld produzieren. Sie werden es auch, wenn sie nur noch marktgerechte Ideen produzieren.

Und deshalb wünsche ich mir noch mehr Lobbyarbeit: Nämlich auch Ideen für die Projekte, die gar nicht mehr formuliert werden. Die sich jeder Logik des Marktes entziehen und somit in diesem vielleicht gar nicht sichtbar werden können. Wir sind kreativ, verdammt. Da muss doch noch was gehen.